Rezension: Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte.

Aktuell: DVD des Films ist released! 

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…stand einmal an der Tür, als die Dokumentarfilmerin Corinna Belz zu Handkes Anwesen in Chaville, einem Vorort von Paris, mit ihrem Drehteam kam. Drei Jahre hat sie den Charakterkopf Handke in seinem Haus besucht, auf Reisen begleitet und ihn beim Sein gefilmt, gesprochen und geschwiegen. Dieser nun 74jährige Handke, zeitlebens Suhrkamp-Autor (mit einer paar Anbändelungen beim heimischen da österreichischen Residenzverlag), ist ein herausragender Mensch, dem dieses Werk gerecht wird. Ich habe mir gestern den Film im Cinéma in Frankfurt anschauen dürfen mit anschließender kurzer Diskussion mit der, ich weiß gar nicht wie man korrekt sagt, Schöpferin des Films, Corinna Belz. Der Film zog mich so in seinen Bann, weil er es schafft, nicht Handke ins rechte Licht zu rücken, sondern sein Sein zu inszenieren. Anscheinend Wort- und Tonloses wie die Tätigkeit eines Autors in Stimmungen, Szenen, Gespräche und Augenblicke zu fassen. Es gelingt ihr, mit sicher großer Kraftanstrengung. Die Bildwelten sind grandios, die Erzählweise setzt auf einen mündigen Zuschauer. Details seiner Biographie erschließen sich dominoartig aus dem moderaten Tempo des Erlebens Handkes in seinem ureigenen Lebensraum. Nach Jahren des Nomadentums, lebt er nun knapp 30 Minuten vom Pariser Zentrum in einem urigen, dennoch hellen Haus, in das die neue Technik keinen Einzug gefunden hat. Er hat eine Telefonstunde von 10-11 Uhr, sonst ist er abgeschieden. Er fragt im Film Belz, ob es die elektrischen Schreibmaschinen wohl nicht mehr gäbe – Lachen im Saal – sie verneint ebenso mit lachendem Kopfschütteln.

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Belz nimmt sich Zeit, sie ist sanft zu Handke, er vertraut ihr mehr als anderen. Er spricht von seiner Familie, auch von seiner Mutter – die eine tragische Rolle spielt. Hier pampte er 2008 Gero von Boehm an, er solle ihn endlich mit seiner Mutter in Frieden lassen. Also ein heikles Thema, aber Handke wirkt sanft, besänftigt. Sie schafft es, ihn zu öffnen und doch nicht übergriffig ob der gebotenen Chance zu werden. Sie verknüpft zärtlich Bild, Ton und gelesene Zeilen aus Handkes Werken, die er selber vorträgt. Teils mit Einblendung der Zeilen, teils nur mit seiner Stimme aus dem Off und wirklich ergreifenden Landschaftsaufnahmen. Doch neben der Bildwelt ist die Tonwelt ein Wahnsinn dieses Films. So feingliedrig, so wertig wurde im ganzen Film auf den Ton geachtet. Der Film ist nicht für Popkorn und Getränke geschaffen, er lässt einen akustisch in die naturnahe Welt Handkes entgleiten; jeder Laut, jdes Räuspern, jedes Zwitschern kommt an.

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Handke führt durchgängig Notizbücher. Die frühen Jahre sind im Deutschen Literaturarchiv in Marbach und teils von Suhrkamp verschriftlicht und kommentiert veröffentlicht
Und: Belz lässt sich unendlich Zeit, lässt sich, den Bildern, dem Ton, den Einstellungen und somit Handke Zeit. Es gibt eine Szene, die auch gleich vom pseudointellektuellen Publikum kritisiert wurde: Handke bestickt sich Hemden und sie nimmt eine Szene, wie er vergeblich versucht, den Faden durch das Nadelöhr zu bekommen; und es einfach nicht hinbekommt. Es ergibt sich eine schweigende Komik. Leider haben die Zuschauer das scheinbar nicht ausgehalten; und damit auch Handkes „elftes Gebot“ nicht: Du sollst dir Zeit nehmen.

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Unabhängig, ob Sie Handke kennen, seine Bücher lesen oder nicht: Besuchen Sie diesen Film – er wird Sie begeistern, wenn Sie sich öffnen, achtsam sind, sich Zeit nehmen.

Schauen Sie hier den Trailer an, oder besuchen die Filmwebsite.
Interview mit Corinna Belz und das Presseheft.
Das Filmplakat finden Sie direkt hier.
Kurzfilm Suhrkamp-Verlag zu Handkes 70. mit Raimund Fellinger.

Beitragsbild ist das Filmplakat, Quelle

Restliche Bilder: Screenshots aus Trailer/Youtube, link s.o.

 

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