Rezension: Helmut Schmidt – sein Jahrhundert in privaten Bildern

Ein Mensch, der mich wirklich kennt, schenkte mir dieses Exemplar von ZEIT Geschichte. 

Eigentlich mag ich diese Art Sonderhefte nicht, aber bei Schmidt hat es sich wirklich gelohnt. Nun erschien es zum ersten Todestag. Ich beschäftige mich seit zehn Jahren mit Schmidt und kenne quasi alle bekannten Bilder. Dieses Heft bringt wirklich Bilder, die dem Label „privat“ gerecht werden. 


Das Heft ist aus den gescannten Bildbänden des Ehepaars Schmidt gestaltet und beschriftet, verbunden mit Erklärungen und Interviews. So sieht man auf dem ersten Bild Schmidts Notizzettel als BM der Verteidigung mit der er Loki „Nur-mal-so-Blumen“ schenkte.


Schmidt arbeitete, wie auf der Hardthöhe und dem Kanzleramt, mit dem grünen Filzstift bis zu seinem Lebensende zum Redigieren und Antworten. Bis heute wird in Behörden so gearbeitet. Rot sind z.B. Staatssekretären vorbehalten. Als er im Mai 1983 durch den Flur der ZEIT im sechsten Stock nebst Personenschützern und unter Applaus der dortigen Mitarbeitern in sein neues Büro schritt, war er gar nicht so sicher, ob Bucerius‘ Ansinnen so erfolgreich wird (vgl. Karlauf T.: Helmut Schmidt – Die späten Jahre). Schmidt zweifelte viel mehr als man ahnte. Eine über dreißigjährige Karriere startete, stotterte aber, da Schmidt immer mit den Wegelagerern haderte, und sich über die abgefressenen Tabletts nach langen Redaktionsnächten mokierte. Dennoch er selber die Tradition mit Baileys im Kaffee den Alkohol weiter erhielt. So schnitt er sich das erste Impressum mt ihm selber aus – so sehr bewegte es ihn.


Die Enden, die stechen: er vergaß, das di Lorenzo ihn mit Schokolade besucht hatte. Dass er ihn beim Vornamen nannte und dieses beklagte, sagt alles aus. Auch dass di Lorenzo in der aktuellen Schmidt-Reportage sagt, Schmidt habe ihn gefragt, ob er noch klar sei und kein „dummes Zeuch“ rede…er war sich also durchaus des Verfalls mehr als bewusst.

Helmut Schmidt – sein Jahrhundert in privaten Bildern als ZEIT Geschichte-Edition. Ein sehr gut investierter Zehn-Euro-Schein.

Danke.

Kaufen: hier.

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Rezension: Was bleibt, ist die Liebe

Winter. Schneelos. Kalt. Der Wind faucht um den Funktionsbau, schneidend kalt und doch ausdruckslos. Die Bäume kahl und der Himmel hängt am Haussims. Man kann Beton und Horizont nicht unterscheiden. „Winter“ in norddeutscher Tiefebene. In den Zehnerjahren eine Periode eindruckslosem Fehlens von Temperatur/Kontur/Leben. Mehr nicht. 

Riesige Schiebetüren aus blankem, kalten Metall mit dicken Gummilippen, die auch das nachdrücklichste Zuschieben puffend abfangen. Im Krankenhaus zu sein und nicht in einer andersartigen Verwertungsanstalt, zeigen die roten Kreuze auf rundem weißen Grund. Sie weisen den Weg in die Notaufnahme des Krankenhauses der Maximalversorgung in der ich meine Berufspraktika vor über zehn Jahren absolviere. Hier, wo der Herzschlag des Hauses tobt, der in Krankenhausserien simuliert wird und im Gegensatz zum restlichen Inhalt wirklich so stattfindet und keine Fiktion ist. Hier sitzt der namentlich bekannte Obdachlose neben dem Banker, die Mutter aus dem Problemviertel neben der Rentnerin aus dem Altbau gegenüber. Auf dieser Bühne des Lebens mit Brettern aus federndem PVC und dem dauerhaften Geruch aus Urin, Desinfektion und Plastik. Dort lerne ich sie kennen, in einem Behandlungszimmer; eine Infektion, eine von unzähligen. Sie ist Mitte 20, mit ihren Eltern angekommen, es ist noch früh, keine zehn Uhr. Ich soll hier in der Notaufnahme eigentlich unter der Vortäuschung von praktischem Fachwissen lernen, Zugänge zu legen und Blut abzunehmen. Ausgestattet mit einem Baumarkt-Plastik-Köfferchen ziehe ich von Patient zu Patient und bin mehr oder minder erfolgreich. Die Patientin, der ich gleich dreimal neben ihre Vene steche und die sich die vergeblichen Einstichstellen versucht synchron zu pressen, schaut vorwurfsvoll und beginnend verachtend, als ich wiederum nur noch zwischen den Lippen hervorpressen kann, nun doch mal den Arzt holen zu müssen; in der Hoffnung, dieser könne das dann — äh ja. Just auf diesem Weg werde ich bei meiner stichigen Aufgabe unterbrochen, ich solle helfen. Als Mensch ohne freien Willen, komme ich also zu ihr. Ihre Eltern schauen sorgenvoll, aber auch mit einer Prise leidvoller Erfahrenheit. Sie muss dableiben, wie so oft. Routine, der Lästigkeit längst entrückt. Man ist vorbereitet. Sie hat ein Kuscheltier im Arm, die Augen auf, starrer Blick an die Decke. Wirkt unversehrt, aber wie eine DVD auf Pausetaste. Und das seit Jahren. Die Papiere für die Station dauern, das Warten gehört zur olympischen Disziplin, ich lehne am Waschbecken, denn Zustechen muss ich hier nicht und der Vorwurfsblick gilt hier nicht mir. Daher bleibe ich, im Windschatten der Fehlerpause. Der Vater schweigt, er ist ruhig. Ruhig geworden. Denn seine Frau gibt mir einen Einblick, warum sie vor uns liegt. Es ergibt den Wissensstand, der einem meist verborgen bleibt; der Leidensweg der zum Mitleiden mitreißt. Sie, ihre Tochter, die einzige, wollte sie sonntags besuchen, zum Frühstück. Es war eiskaltes, klares Wetter, Schnee bedeckte die Dörfer auf dem flachen Land, die Kamine rauchten in die klare Luft empor. Nur eine Ortschaft weiter lebte ihre Tochter, sie telefonierten, die Tochter setzte sich hinters Steuer. Die Eltern machten Kaffee. Er dampft und verdampft, wird kalt. Sie kommt nicht an. Überfrierende Nässe. Ich versteinere, benetze die Lippen und nestele an meinem Kasack, dass nach Industrie-Reinigung müfft. Das Plastiknamensschild, welches mich als Praktikant ausweist, als Warnschild fungiert, als Mahnung der eigenen Verve dient, es hängt schief. Sie überlebt. Aufatmen. Und wacht aus dem Koma doch nicht mehr auf. Irreversibel. Wachkoma, Locked-in-Syndrom. Sie atmet, hat Herzschlag, die Augen sind geöffnet, man wartet jede Sekunde auf das Einsetzen eines Satzes. Der nie kommt. Aus Eltern, von den sich abgelöst war, wurden über Nacht wieder Eltern. Auf Lebenszeit. Mit Kuscheltier und sorgenvollem Blick. Zwischen Aufopferung und eigenem Untergang, immer am Rande. Sie wirkt völlig unversehrt, von den schweren Kopfverletzungn ist auch bei genauem Blick nichts zu erkennen. Sie wirkt wie eine fiktive Figur, die des Alterns entsprungen ist. Unversehrt, zu versehrt. Und so liegt sie vor uns unter der leichten Decke des Krankenhauses auf der rhythmisch immer wieder der Name desselbigen steht. Wie in einer Dauerwerbesendung. Oder eben der nervigste Dienstahlschutz, denn Menschen klauen auch reudige Decken. Was geht in ihr vor? Geht überhaupt etwas in ihr vor? Die Leiden des ELLE-Chefredakteur Jean-Dominique Bauby lassen schlimmstes erahnen. Sollte es allen so gehen? Was bedeutet dieser Zustand, der, der modernen Medizin geschuldet, Jahrezehnte stabil dauern kann? Sie könnte ihre Eltern über-leben. Aber. Wie viel leben ist noch Leben? Ist es die langfristigste Art des Sterbens? Der bewussteste Vortod? Kann sterben doch die präferierte Wahl sein? Es beklemmt mich bis heute. Menschen, die unserer Welt weiter entrückt wirken als Gestorbene. Es ist so latent, so un(be)greibar und die eiskalte Angst, Menschen jahrelang zu betreuen, die vielleicht Kontakt aufnehmen wollen, aber nicht mehr können. Einbetoniert im eigenen Körper. Nicht bis auf Widerruf.

Lassenstraße 1, Berlin Grunewald. Die Anekdote, diese Adresse hätte mit zum Prüfungswissen für Taxifahrer gehört, kann nicht belegt werden. Doch auch wenn nicht, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sehr viele Taxifahrer der Dekaden 60 bis 90 diese Adresse aus dem Effeff anfahren konnten. Denn der Gast, den Sie auf der Rückbank hatten, war sich selbst dieser Fundamentaldaten nicht mehr bewusst, wenn er im Vollsuff aus dem Diener auf die Kunstlederrückbank einer Mercedesdroschke fiel. Sie kennen den Diener nicht? Den Diener Tattersall? Nur einen Steinwurf von meinem Berliner Büro, liegt direkt am Fundament der S-Bahn-Hochstrecke diese Institution von Kneipe; ähnlich dem Zwiebelfisch am Savignyplatz. In dieser Kneipe mit Restauration ist die Zeit nicht nur sprichwörtlich, sondern auch tatsächlich stehengeblieben. Hier versackte alles, was Rang und Namen hat(te), oder eben dazugehören wollte und will. Es ist die Künstlerkneipe des Westberliner Nachtlebens – bis heute. Hier versumpfte auch Hugo-Egon Balder und kickte erfolglos in der noch erfolgloseren Diener-Fußballgruppe. Im Diener ist es dunkel, rauchig, die Kacheln haben mehr auf dem Buckel als die Menschen und ob die Wände jemals mal weiß waren – keiner weiß es mehr. Hier saßen Kai Diekmann und Henryk M. Broder im Durch die Nacht-Format. Und genau dort, dort wo zig Künstler auf Fotos an den Wänden beim Feiern in der Sekunde eines rauschend zu feiernden Erfolgs festgehalten wurden, auch dort stürzte er ab. Bis ihm im Jahr 2000 das Licht völlig ausging, die Prognose so dunkel wurde, wie die Decke im Diener. Die Rede ist von keinem geringeren als Harald Juhnke. Der Schauspieler, Entertainer, Comedian, der Generationen Inbegriff der sesselhaften Abendunterhaltung ist. Dieser Mann mit diesem besonderen Gesicht, der knolligen Nase und diesen seitlich anhaftenden Tollen von Haaren, die wirklich echt waren. Der Alkohol nahm ihn schon in den Sechzigern in Beschlag, bis zum Tag bei Wien, als nach etlichen Warnschüssen seiner Gesundheit (in seiner Biographie sprach er von sieben Leben, relativierte dies aber in seinem letzten großen Interview 1998: es seien sicher weit mehr gewesen), bricht er zusammen, bewusstlos. Ehefrau Susanne und Sohn Oliver eilen nebst Hausarzt Dr. Moschiry nach Wien – mit Privatjet. Es ist vorbei, das Gehirn hat irreversiblen Schaden, keine Heilung mehr möglich. 1998 gab Juhnke in seinem Haus in der Lassenstraße 1 nicht unweit des Grunewalder Koenigssees sein letztes großes Interview. So aufgeräumt, reflektiert sollten es dann nur noch knapp zwei Jahre sein, die ihm im Licht des Realismus blieben. Danach „starb“ er einen vorzeitigen Tod. Den aus der von ihm gebrauchten Öffentlichkeit und den aus seinen persönlichen Beziehungen, allen voran seiner Frau Susanne. Einsam zu zweit, schreibt sie und zeichnet in dem Buch den Beginn ihrer Liebe, nebst einigen Briefen damaliger Zeit, um dann zu springen zu dem verhängnisvollen letzten Rückfall und dem dann startenden, nicht mehr sich bessernden Leidensweg des einstigen Stars. Die Demenz fraß ihn, den jovialen, vor Leben bebenden, auf und lässt seine sich ihm immer voll hingebende Ehefrau zurück. Was bleibt, ist ein Mensch, einer ausgehöhlten Frucht gleich. Susanne Juhnke gab ihr Leben für ihn, sein Sein und seine Karriere. Mit seinem Verlust bricht ihre Welt zusammen und wird von außen durch das Medieninteresse auch noch atomar gepresst. Susanne Juhnke schreibt einen durchweg spannenden Lebensbericht, einer Liebe, deren Vollkommenheit durchaus kritisch fragen lässt, ob eine solche, ihre totalitäre Hingabe, wirklich ratsam ist. Denn das Konstrukt, auf der Fragilität des unberechenbaren Lebens gebaut, ist keines mehr, wenn ein Part stirbt oder eben in dieses Vorstadium rutscht, von dem keiner weiß, ob es nicht der wahre, grausame Tod ist – für alle Seiten.

Susanne Juhnke: Was bleibt, ist die Liebe erschienen bei Heyne.

Sehtipp: Harald Juhnkes letztes großes Interview 1998 im Rohschnitt

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

 

Rezension: Schreibwaren

Es ist ja hinlänglich bekannt, dass sowohl mein privater als auch mein dienstlicher Schreibtisch übersäht sind mit Utensilien vergangener Zeit. Unmengen Kulis, Farbstifte, Filzstifte, geschenkte Stifte, Anspitzer, Bleistiften, Linealen, Radiergummi, persönliches Briefpapier, persönliche Briefumschläge, Stempel, meinem Mont Blanc-Schreibset, meiner Stiftablage aus Zigarrenkisten, unzählige Bücher.

Alles ist aus Papier oder dient der Veredlung selbigen. In Schreibwaren finden sich für alle Menschen, die diesen Objekten einer entrückten Epoche feinfühlig verbunden sind, schöne Impressionen und liebevolle, detailreiche Bilder.
Ein Sammelsurium an Tipps, klar strukturiert anhand der Hauptkategorien wie z.B. Klebemittel, Briefe, Spitzer, Notizbücher, Post. Mit grandiosen Bildwelten zum Versinken, zum Träumen. Aber wichtig: eben auch mit handfesten Hinweisen auf einzigartige Schreibwarengeschäfte, Wissen verbreitende Podcasts und Erklärungen zu Gerätschaften, die selbst ich nicht alle kenne.

Ein Buch perfekt für jeden Papier-, Schreib-, und Haptikliebhaber. Es riecht gut, ist schön verarbeitet und bietet sich spätestens zu Weihnachten an, es zu verschenken. Ein ideales Buch zum Blättern, zum geistigen Anhalten, zum Fliegenlassen der Gedanken. Hier bei mir, hat es einen festen Platz und wird wiederkehrend als stilles Häppchen zu sich genommen.

Schreibwaren, erschienen bei Prestel/ Random House

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

Rezension: Das letzte Polaroid und Das ganze Leben da draußen

Auf Amazon fand ich nur eine Rezension zu Nina Sahms neuem Buch Das ganze Leben da draußen.
Sahms Debüt Das letzte Polaroid von 2014 habe ich beim Hugendubel auf dem Restetisch erstanden. Es ist mir aufgefallen, weil es so liebevoll von der Ausstattung daherkam. Es zeichnete den Lebensweg von zwei weiblichen Teenagern nach, die sich in Ungarn kennenlernen. Die Deutsche mit spießigen zerstrittenen Eltern und die frühentwickelte Ungarin mit kumpelhaften Elternpaar. Der Roman kam daher wie eine laue Sommernacht und ließ einen in die Erinnerungen an die eigenen Urlaubsfreundschaften eintauchen. Als Anna, die Deutsche, von Kingas Eltern fast zehn Jahre später kontaktiert wird, liegt die Freundin, die immer vornedran war, die immer einen Schritt weiter schien als Anna, im Koma. Anna, die immer in leichter Repression wegen ihrer scheinbar verzögerten Entwicklung gegenüber Kinga war, entwickelt sich nun in Ungarn bleibend, bändelt mit dem Freund von Kinga an und stellt eine enge Beziehung zu deren Eltern her. Es ist kein aktiver Verdrängungsprozess, neben dran werden die politischen Lagen am Rande exerziert, welches ich nun nicht so spannend fand. Doch merkt Anna, ohne die im Koma liegende Kinga zu treffen, das die Freiwilligkeit in der inneren Beziehung oft relativer war, als sie es damals wahrnahm. Sie oft eher genötigt wurde, sich dann nicht das nahm, was ihr Gefühl sagte. Und somit eine wichtige Entwicklung die eines jeden gilt, anschaulich nachzeichnet. Und, Sahm gelingt es, den Roman ohne erklärendes Ende mit einem einzigen, bis auf die letzte Seite aufgebauten Satz, zu beenden. Grandios! Ich las das Buch in einem Stück. Seltenheitswert bei mir. Man mag die scheinende „Einfachheit“ des Plots bemängeln, doch er ist es nicht, er kommt gut getarnt mit Strandsand, Sonne und Wärme daher und ist doch ein Psychogramm einer ungleichen, wenn sogar ungerechten Jugendfreundschaft.

Umso begeisterter bestellte ich Sahms aktuell erschienenes Zweitwerk Das ganze Leben da draussen. Leider passierte das, was die bisher einzige Amazon-Rezensentin auch schrieb: Es ist so anders, das es einen verschreckt. Auf Island spielend, wirken die Personen (die junge Lehrerin Alfa und ihre Schülerin Elin) gut gezeichnet, aber mich fröstelt es, verstört es. Die Message kam im ersten Buch gut verpackt im Sommerlook, nun spüre ich nur Kälte und ich werde mit den Figuren, der Handlung nicht warm. Das tut mir leid. Handwerklich ist Sahm als hauptberufliche Texterin nichts vorzuwerfen. Aber es ist wie immer mit Fortsetzungen, die keine sind, keine sein sollen und dann doch irgendwie anknüpfend für einen selber daherkommen: Es kann nur enttäuschend werden. Daher lohnenswert für alle, die noch nicht Das letzte Polaroid gelesen haben.

Eine Anmerkung zur Ausstattung: Der Erstling ist im Aufbau (Imprint: Blumenbar) erschienen und ist ein handliches, schmales Hardcover mit schöner Farbgestaltung und gutem Geruch. Genau dieser ist bei Sahms zweiten Buch ein Graus: Es stinkt nach gammligen Zitronen. Der verwendete Kleber regt mich auf, es riecht eklig. Es ist deutlich großformatiger und ein Softcover/Paperback, welches bei Droemer Knaur erschienen ist.

Nina Sahm:
Das letzte Polaroid bei Aufbau
Das ganze Leben da draußen bei Droemer Knaur

Ich danke Droemer Knaur für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars; ich erhalte kein Honorar.

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Rezension: Nahaufnahmen [Interviewband]

Gero von Boehm ist ein Meister des gediegenen Bewegtbild-Interviews. Keine Angriffkämpfe, keine Exemplare für peinliche Suggestivübergrifflichkeiten, sondern ein Mensch mit großem Fingerspitzengefühl, enormer Bildung und sonorer Stimme, versucht ein „Türchen zu öffnen“ aus dem etwas entspringt, welches die meisten Gesprächspartner bewusst wissen geschlossen zu halten. So spravh von Boehm mit anspruchsvollen Gesprächspartnern wie Loriot, Peter Handke, Hans Magnus Enzensberger oder Paul Auster.
Und immer schafft er es, das Interview in einen bestimmten Kontext zu setzen. So spaziert er mit Peter Handke stundenlang durch dessen geliebte Wälder bei Chaville. Oder mit Ryuichi Sakamoto spaziert er durch dessen winterliches New York. So ist von Boehm immer eine Komposition aus Bild, Sprache und einer besonderen Art Zwischenmenschlichkeit. Er scheint diese Außeninterviews zu perfektionieren, doch auch frühere Werke, wie das letzte (oder zumindest das letzte große Interview) des wenige Tage später ermordeten Deutsche Bank-Chef Alfred Herrhausen im Studio sind Zeitdokumente geworden. 2012 schon eine Vielzahl seiner Gespräche verschriftlicht und als Buch herausgegeben.
Nun folgt 2016 eine erweiterte Ausgabe, u.a. mit Hape Kerkeling, Paul Auster, Klaus Maria Brandauer oder Georg Stefan Troller – um nur einige Granden zu nennen. Ingesamt sind es fünfzig Gespräche mit dem Leben, wie der Verlag das Buch Nahaufnahmen untertitelt. Für alle die Zeitgeschichte in relevanten Gesprächen erleben möchten, ist dieses Buch eine echte Kür im Regal.

Alle weiteren Informationen zu Gero von Boehm: Nahaufnahmen – Fünfzig Gespräche mit dem Leben bei Ullstein Buchverlage/ Propyläen.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

Danke, Michael Angele…

…für diese vier wunderbaren Widmungen! Sehr lieb! 

Michael Angele ist stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung Der Freitag aus Berlin. Mit seinem Buch Der letzte Zeitungsleser hat er meine DNA getroffen. Das Buch ist vom Inhalt und Ausstattung grandios bei Galiani Berlin (KiWi) erschienen. 

Bald wollen Angele und ich uns mal auf Kaffee mit Zeitung treffen, die Freude ist groß…

PS: Nebenbei habe ich noch zwei weitere signierte Bücher weitergeschickt…ggf. berichte ich Ihnen ;-)

PPS: Wem ist wohl das unterste Buch gewidmet – raten und mir schreiben! ;-)

Seh-Tipp: Sigmar Gabriel im Gespräch mit Klaas Heufer-Umlauf

Eine angenehme Situation mehr von Sigmar Gabriel auf der Bühne im Willy-Brandt-Haus zu erfahren. Heufer-Umlauf macht auch eine gute Figur. Ein schönes Gespräch.

Aktuell ist bei dtv ein Buch von zwei Journalisten über Sigmar Gabriel erschienen. Ich bin gespannt, finde ich doch Bücher mit diesem Charakter „hat er das Zeug zum Kanzler“ durchaus sehr kritisch gegenüberstehe. Ich werde es hier besprechen.

Screenshot: Youtube/SPD

Seh-Tipp: Gerhard Schröder

Reinhold Beckmann, der Weichspüler der deutschen Fernsehlandschaft, bekam die Chance für ein Portrait von Gerhard Schröder, 1998-2005. Mancht.Mensch.Schröder – ein Titel in Anlehnung an ein Portrait über Angela Merkel von 2013 (von der angeblich nahestehenden Bettina Schausten, ZDF).

Schlimmes wurde erwartet, aber er hat es gut hinbekommen, Schröder gedanklich zu begleiten durch sein Leben und hierzu an einige Orte der Erinnerung zu finden. Schröders Motivationen, Brüche und Umfeld werden beleuchtet und auch in guter Art, ähnlich wie in der von Jürgen Leinemann 2006 vorgelegten Reportage Kanzlerjahre.

Es ist eine schöne Bewegtbildsprache, Beckmann muss man sich manchmal ausblenden, wenn er in seinen Schmalzfluss kommt. Was ich wieder bemerkenswert finde, dass er Schröder duzt. Schauen Sie hierzu ganz an den Anfang, stellen die Lautstärke hoch und hören wie Beckmann locker sagt: „Bist du heute morgen angekommen?“, woraufhin Schröder verneint. Diese Duzerei finde ich hmmm. Das Interview fand, logischerweise, ganz am Ende statt, sodass Beckmann Schröder zu allen bisherigen recherchierten Frageblöcken ansprechen konnte. Ansehbar.

Julia Encke (FAZ) sieht Schröders Engagement in der Postkanzlerschaft übrigens so kritisch, dass sie sein Engagement bei Gazprom (bzw. einer Tochter dieser) als einen Schandfleck bezeichnet, der auf ihm liege. Das ist natürlcih rechthaberischer Quatsch. Schon 2006 sagte Jürgen Trittin (B´90/Grüne) in o.g. dem Leinemann-Film, dass es eben ein Zeichen sei, wenn bei einem russisch-deutschen Joint Venture, wie bei ebendieser Pipeline, die Minderheitenseite (= Deutschland) den Aufsichtsratsvorsitz (!) angeboten bekommt. Auch sagt Schröder fast wehleidig, dass er sich mit [er verschluckt sein damaliges Alter] in seinem Alter, nicht für den Ruhestand eigne. Und so kann ich es verstehen, dass sich Menschen, die unter einer solchen Bedeutungsschwangerheit (die sie ja jahrelang im Visier hatten) und Leistungstaktung lebten und nun über Nacht macht- und oft auch bedeutungslos werden*, etwas brauchen als Übergang. Das können sich natürlich die meisten Angestellten nicht vorstellen und die Journalisten neiden heimlich natürlich. Alles kann man negativ auslegen, auch das Schröder seine Memoiren Entscheidungen (2006) für eine Million Euro an seinen Freund Carsten Maschmeyer (der ihm auch 1998 ganzseitige Anzeigen schaltete: Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein) verkaufte, obgleich sich das Werk relativ mager verkaufte.
Doch wie Harald Schmidt schon über das Bescheißen richtig sagt: Der kleine Mann bereichere sich nicht, weil er nur die Chance dazu hat (oder klaut eben das verdammte Klopapier im Office). Wenn er die Chance hätte, würde er sie auch nutzen. Der Mensch ist eben kein Heiliger und Schröder verstößt nicht gegen geltendes Recht. Und das Thema „Geschmäckle“ ist eben wenig greifbar und dehnbar ob der eigenen Position, denken Sie wieder an Schmidt.

* Der ehemalige Tagesschau-Sprecher Marc Bator beschrieb dieses in einem Interview, dass er nach dem Ausscheiden aus der ARD (Wechsel zu Sat.1) plötzlich keine Karten mehr für Veranstaltungen bekam und wenn, dann nur im Stehbereich.

Beitragsbild: Screenshot Youtube/ARD

Seh-Tipp: Stefan Aust

Der ehemalige Spiegel-Chef hat als Gründer von Spiegel-TV Geschichte geschrieben – und nicht immer unkontrovers. Auch als Autor des RAF-Standardwerks ist ein Meilenstein in den Regalen von ihm hinterlegt. Stephan Lamby hat Aust 2005 für eine Reportage begleitet. Man gewinnt schöne Einblicke in den Menschen Aust, seine Denke, seine Art. Nur kurze Zeit später flog er beim Spiegel, den er über zehn Jahre führte, wegen seines Führungsstils. Vielen KG´lern war er wohl mit seiner Art (Fernseh-Type) immer ein Dorn im Auge. Eine Ablöse von kolportierten zwei Millionen Euro, helfen nicht gegen diesen Machtverlust. Man munkelt, Aust sei gar nicht mehr in sein Büro zurückgekehrt. Doch entgegen der Erwartung des Absturzes, berappelte sich Aust schnell, kaufte sich bei N24 ein. Dieser wiederum wurde von der Axel Springer SE gekauft, um eine Bewegtbildsparte der WELT-Gruppe anflanschen zu können. So fand sich Aust als Herausgeber und kommissarischer Chefredakteur der WELT bei Axel Springer wieder. Inzwischen hat er den CR-Posten an Dr. Ulf Poschardt abgegeben, bleibt aber weiter Herausgeber.

Der von mir sehr gerne gesehene Dokumentarfilmer Lamby hat ein schönes Portrait gezeichnet. Ansehbar.

Zusatz-Tipp: Eine Rohversion eines Interviews mit Hannelore Kohl zum Wahlkampf 1998 im Kanzlerbugalow Bonn mit einem privaten Endteil. Sehr spannend. Generell ist Lambys Plattform dbate.de zu empfehlen.

Beitragsbild: Screenshot Youtube/BR

Rezension: Sozusagen Paris

Karl Lagerfeld bringt immer wieder gerne an, dass Witze erst dann lustig werden, wenn man über Allgemeinbildung verfügt. Das ist, meiner Meinung nach, nicht nur auf Witze, sondern auf alles anwendbar. So denke ich dabei spontan an den Film Ziemlich beste Freunde als der den Betreuer von Philipp spielende Omar Sy sich im Café über den matschigen Schokokuchen beschwert, weil er gar nicht weiß, dass derselbige eigentlich genau so sein muss, wie der Kellner ihm konsterniert mitteilt.

So ist es auch mit dem frisch vorgelegten Roman Sozusagen Paris von Navid Kermani bei Hanser Literaturverlage. Das Wörtchen sozusagen ist wichtig, denn ich würde sagen, dass man auch –Sozusagen ein Roman- schreiben könnte; eigentlich ist es eine gekonnte Erzählung eines Autors mit wenig strotzender Handlung und umso mehr Tiefe zwischen den Zeilen.

Kermani lässt seinen Protagonisten sein Alter Ego sein – einen Romanautor, der sich einer Jugendliebe als Protagonisten seines neuen Romans bedient. Dies bleibt selbiger nicht unbemerkt und so startet das Buch bei einer Lesung, nach dieser sich die Jugendliebe eine Widmung ersteht. Es startet eine gemeinsame Aufarbeitung der gemeinsamen Erlebnisse, der Lebenswege. Jutta ist Bürgermeisterin in einer Kleinstadt, kifft und ist in ihrem Reihenhaus mit ihrem Mann an einer Entfremdung angelangt, die eher einer WG gleicht. Das Warum eigentlich noch? gilt es zu beleuchten.

Kermani schafft es, mit viel indirekter und indirekt daherkommender direkter Rede, seinen Leser zu fesseln, in die Frage aller Fragen: Warum ist es wie so gekommen? Die Rückschau von Menschen im zweiten Drittel ihres Lebens, die sich mit einmal die Sinnfrage stellen, die ratlos sind, wie die Würfel fielen und wie viel Anteil sie selber daran hatten. Spiegelstriche stellen dabei ein immer wiederkehrendes Stilmittel dar; sowohl das Wort Roman ist in diesen eingefasst, als auch die Seitenzahlen – und auch die Redebeiträge im Buch werden so eingerückt.

Was hat das nun mit Allgemeinbildung zu tun? Kermani spielt die ersten einundsiebzig Seiten auf der Kippe zur vierten Wand und durchbricht sie auf Seite zweiundsiebzig. Nachdem er über lange Passagen den Leser in die Denke und Probleme eines Autor eingeweiht hat und offen dazu steht, die ganzen (sehr passenden und nicht zu sehr wollenden!) Zitate von Proust et al. eben nicht mal so eben aufsagen zu können, spricht er den Leser wirklich direkt an. Seine subtilen und dann doch direkten Angriffe auf Lektoren kommen einem als Autor bekannt vor; er lässt den Leser mit auf seinen Denkprozess ein und macht dann immer genau das, welches seiner Ansicht nach der Lektor sowieso verfluchen würde. Es bedeutet, der Autor schafft der Geschichte eine zweite Ebene der eigenen Nabelschau der Entstehung des Textes, ohne direkten Bezug auf die Handlung zu nehmen. Das habe ich so noch nie gelesen und finde es sehr erfrischend.

Der Autor schafft es also, mit leicht dahergehendem, aber umso tiefer wirkendem Text, schon philosophisch die großen Fragen des Lebens anhand der unerwarteten Interaktion mit seiner verflossenen Jugendliebe zu skizzieren. Eine herrlich tiefgründige und leicht von der Lesehand gehende Erzählung eines rückblickenden Mannes auf zwei Leben die sich tangierten und vielleicht dennoch nie berührten.

Kermani legt hier wirklich sozusagen etwas vor. Mehr als einen Roman. Mehr und weniger als eine philosophische Einlassung mit Handlungscharakter. Er bietet einen Einblick ins Schreiben, einen Wink zur kritischen Betrachtung der Liebe an sich und der Liebe im Form der Spießer und dann auch noch eine echte Geschichte.

Zur Ausstattung möchte ich auch etwas sagen: Das Buch riecht gut und hat ein wirklich handliches und schönes Format. Der Druck ist satt, die Serifenschrift hat eine angenehme Größe, streckt sich aber nicht zu sehr. Der orangene Einband mit deutlich ockerfarbenem Stich wiederholt sich aus dem Titel des Schutzumschlages der mit einem 90 Grad nach rechts gekehrtem Motiv einer zweifarbigen Fachwerkhauslandschaft bedruckt ist. Ein Sinnbild für die Verkehrung im Leben der Protagonistin, die in der piefigen Kleinstadt als Bürgermeisterin waltet und deren Leben doch nicht so gerade scheint, wie es die Hausfassaden wahrmachen wollen.

Für jeden reflektierten Charakter, spätestens ab dreißig, eine wirkliche Leseempfehlung von mir. Navid Kermani Sozusagen Paris hier bei Hanser.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar; ich erhalte kein Honorar.

Tipp: Das Hörbuch wurde von Christian Brückner eingelesen! 

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Rezension: Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte.

Aktuell: DVD des Films ist released! 

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…stand einmal an der Tür, als die Dokumentarfilmerin Corinna Belz zu Handkes Anwesen in Chaville, einem Vorort von Paris, mit ihrem Drehteam kam. Drei Jahre hat sie den Charakterkopf Handke in seinem Haus besucht, auf Reisen begleitet und ihn beim Sein gefilmt, gesprochen und geschwiegen. Dieser nun 74jährige Handke, zeitlebens Suhrkamp-Autor (mit einer paar Anbändelungen beim heimischen da österreichischen Residenzverlag), ist ein herausragender Mensch, dem dieses Werk gerecht wird. Ich habe mir gestern den Film im Cinéma in Frankfurt anschauen dürfen mit anschließender kurzer Diskussion mit der, ich weiß gar nicht wie man korrekt sagt, Schöpferin des Films, Corinna Belz. Der Film zog mich so in seinen Bann, weil er es schafft, nicht Handke ins rechte Licht zu rücken, sondern sein Sein zu inszenieren. Anscheinend Wort- und Tonloses wie die Tätigkeit eines Autors in Stimmungen, Szenen, Gespräche und Augenblicke zu fassen. Es gelingt ihr, mit sicher großer Kraftanstrengung. Die Bildwelten sind grandios, die Erzählweise setzt auf einen mündigen Zuschauer. Details seiner Biographie erschließen sich dominoartig aus dem moderaten Tempo des Erlebens Handkes in seinem ureigenen Lebensraum. Nach Jahren des Nomadentums, lebt er nun knapp 30 Minuten vom Pariser Zentrum in einem urigen, dennoch hellen Haus, in das die neue Technik keinen Einzug gefunden hat. Er hat eine Telefonstunde von 10-11 Uhr, sonst ist er abgeschieden. Er fragt im Film Belz, ob es die elektrischen Schreibmaschinen wohl nicht mehr gäbe – Lachen im Saal – sie verneint ebenso mit lachendem Kopfschütteln.

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Belz nimmt sich Zeit, sie ist sanft zu Handke, er vertraut ihr mehr als anderen. Er spricht von seiner Familie, auch von seiner Mutter – die eine tragische Rolle spielt. Hier pampte er 2008 Gero von Boehm an, er solle ihn endlich mit seiner Mutter in Frieden lassen. Also ein heikles Thema, aber Handke wirkt sanft, besänftigt. Sie schafft es, ihn zu öffnen und doch nicht übergriffig ob der gebotenen Chance zu werden. Sie verknüpft zärtlich Bild, Ton und gelesene Zeilen aus Handkes Werken, die er selber vorträgt. Teils mit Einblendung der Zeilen, teils nur mit seiner Stimme aus dem Off und wirklich ergreifenden Landschaftsaufnahmen. Doch neben der Bildwelt ist die Tonwelt ein Wahnsinn dieses Films. So feingliedrig, so wertig wurde im ganzen Film auf den Ton geachtet. Der Film ist nicht für Popkorn und Getränke geschaffen, er lässt einen akustisch in die naturnahe Welt Handkes entgleiten; jeder Laut, jdes Räuspern, jedes Zwitschern kommt an.

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Handke führt durchgängig Notizbücher. Die frühen Jahre sind im Deutschen Literaturarchiv in Marbach und teils von Suhrkamp verschriftlicht und kommentiert veröffentlicht
Und: Belz lässt sich unendlich Zeit, lässt sich, den Bildern, dem Ton, den Einstellungen und somit Handke Zeit. Es gibt eine Szene, die auch gleich vom pseudointellektuellen Publikum kritisiert wurde: Handke bestickt sich Hemden und sie nimmt eine Szene, wie er vergeblich versucht, den Faden durch das Nadelöhr zu bekommen; und es einfach nicht hinbekommt. Es ergibt sich eine schweigende Komik. Leider haben die Zuschauer das scheinbar nicht ausgehalten; und damit auch Handkes „elftes Gebot“ nicht: Du sollst dir Zeit nehmen.

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Unabhängig, ob Sie Handke kennen, seine Bücher lesen oder nicht: Besuchen Sie diesen Film – er wird Sie begeistern, wenn Sie sich öffnen, achtsam sind, sich Zeit nehmen.

Schauen Sie hier den Trailer an, oder besuchen die Filmwebsite.
Interview mit Corinna Belz und das Presseheft.
Das Filmplakat finden Sie direkt hier.
Kurzfilm Suhrkamp-Verlag zu Handkes 70. mit Raimund Fellinger.

Beitragsbild ist das Filmplakat, Quelle

Restliche Bilder: Screenshots aus Trailer/Youtube, link s.o.

 

Ein verstummtes Kind.

Winter. Schneelos. Kalt. Der Wind faucht um den Funktionsbau, schneidend kalt und doch ausdruckslos. Die Bäume kahl und der Himmel hängt am Haussims. Man kann Beton und Horizont nicht unterscheiden. „Winter“ in norddeutscher Tiefebene. In den Zehnerjahren eine Periode eindruckslosem Fehlens von Temperatur/Kontur/Leben. Mehr nicht. 

Riesige Schiebetüren aus blankem, kalten Metall mit dicken Gummilippen, die auch das nachdrücklichste Zuschieben puffend abfangen. Im Krankenhaus zu sein und nicht in einer andersartigen Verwertungsanstalt, zeigen die roten Kreuze auf rundem weißen Grund. Sie weisen den Weg in die Notaufnahme des Krankenhauses der Maximalversorgung in der ich meine Berufspraktika vor über zehn Jahren absolviere. Hier, wo der Herzschlag des Hauses tobt, der in Krankenhausserien simuliert wird und im Gegesatz zum restlichen Inhalt wirklich so stattfindet und keine Fiktion ist. Hier sitzt der namentlich bekannte Obdachlose neben dem Banker, die Mutter aus dem Problemviertel neben der Rentnerin aus dem Altbau gegenüber. Auf dieser Bühne des Lebens mit Brettern aus federndem PVC und dem dauerhaften Geruch aus Urin, Desinfektion und Plastik. Dort lerne ich sie kennen, in einem Behandlungszimmer; eine Infektion, eine von unzähligen. Sie ist Mitte 20, mit ihren Eltern angekommen, es ist noch früh, keine zehn Uhr. Ich soll hier in der Notaufnahme eigentlich unter der Vortäuschung von praktischem Fachwissen lernen, Zugänge zu legen und Blut abzunehmen. Ausgestattet mit einem Baumarkt-Plastik-Köfferchen ziehe ich von Patient zu Patient und bin mehr oder minder erfolgreich. Die Patientin, der ich gleich dreimal neben ihre Vene steche und die sich die vergeblichen Einstichstellen versucht synchron zu pressen, schaut vorwurfsvoll und beginnend verachtend, als ich nur noch zwischen den Lippen hervorpressen kann, nun doch mal den Arzt holen zu müssen; in der Hoffnung, dieser könne das dann. Just auf diesem Weg werde ich bei meiner stichigen Aufgabe unterbrochen, ich solle helfen. Als Mensch ohne freien Willen komme ich also zu ihr. Ihre Eltern schauen sorgenvoll aber auch mit einer Prise leidvoller Erfahrenheit. Sie muss dableiben, wie so oft. Routine, der Lästigkeit längst entrückt. Man ist vorbereitet. Sie hat ein Kuscheltier im Arm, die Augen auf, starrer Blick an die Decke. Wirkt unversehrt, aber wie eine DVD auf Pausetaste. Und das seit Jahren. Die Papiere für die Station dauern, das Warten gehört zur olympischen Disziplin, ich lehne am Waschbecken, denn Zustechen muss ich hier nicht und der Vorwurfsblick gilt hier nicht mir. Daher bleibe ich, im Windschatten der Fehlerpause. Der Vater schweigt, er ist ruhig. Ruhig geworden. Denn seine Frau gibt mir einen Einblick, warum sie vor uns liegt. Es ergibt den Wissensstand, der einen meist verborgen bleibt; der Leidensweg der zum Mitleiden mitreißt. Sie, ihre Tochter, die einzige, wollte sie sonntags besuchen, zum Frühstück. Es war eiskaltes, klares Wetter, Schnee bedeckte die Dörfer auf dem flachen Land. Nur eine Ortschaft weiter lebt ihre Tochter, sie telefonieren, die Tochter setzt sich hinters Steuer. Die Eltern machen Kaffee. Er dampft und verdampft, wird kalt. Sie kommt nicht an. Überfrierende Nässe. Ich versteinere, benetze die Lippen und nestele an meinem Kasack, dass nach Industrie-Reinigung müfft. Das Plastiknamensschild welches mich als Praktikant ausweist, als Warnschild fungiert, als Mahnung der eigenen Verve dient, es hängt schief. Sie überlebt. Aufatmen. Und wacht aus dem Koma doch nicht mehr auf. Irreversibel. Wachkoma, Locked-in-Syndrom. Sie atmet, hat Herzschlag, die Augen sind geöffnet, man wartet jede Sekunde auf das Einsetzen eines Satzes. Der nie kommt. Aus Eltern, von den sich abgelöst war, wurden über Nacht wieder Eltern. Auf Lebenszeit. Mit Kuscheltier und sorgenvollem Blick. Zwischen Aufopferung und eigenem Untergang, immer am Rande. Sie wirkt völlig unversehrt, von den schweren Kopfverletzungn ist auch bei genauem Blick nichts zu erkennen.Sie wirkt wie eine fiktive Figur die des Alterns entsprungen ist. Unversehrbar, zu versehrt. Und so liegt sie vor uns unter der leichten Decke des Krankenhauses auf der rhythmisch immer wieder der Name desselbigen steht. Wie in einer Dauerwerbesendung. Oder eben der nervigste Dienstahlschutz, denn Menschen klauen auch reudige Decken. Was geht in ihr vor? Geht überhaupt etwas in ihr vor? Die Leiden des ELLE-Chefredakteur Jean-Dominique Bauby lassen schlimmstes erahnen. Sollte es allen so gehen? Was bedeutet dieser Zustand, der, der modernen Medizin geschuldet, Jahrezehnte stabil dauern kann? Sie könnte ihre Eltern über-leben. Aber. Wie viel leben ist noch Leben? Ist es die langfristigste Art des Sterbens? Der bewussteste Vortod? Kann sterben doch die präferierte Wahl sein? Es beklemmt mich bis heute. Menschen, die unserer Welt weiter entrückt wirken als Gestorbene. Es ist so latent, so un(be)greibar und die eiskalte Angst, Menschen jahrelang zu betreuen, die vielleicht Kontakt aufnehmen wollen, aber nicht mehr können. Einbetoniert im eigenen Körper. Nicht bis auf Widerruf. 

Einsam zu zweit, schreibt Susanne Juhnke.

Dieser Essay ist eine Vorversion der Rezension des Buches von Susanne Juhnke Was bleibt, ist die Liebe.


B737 bei DLH ausgeflottet

Ich wusste, dass der Zeitpunkt kommen muss und nun war es soweit: Lufthansa hat nach Jahrzehnten ihre letzten Boeing 737 ausgeflottet.

Am 29.10. landeten die letzten vier Maschinen auf FRA; CEO Carsten Spohr begrüßte die letzte inbound kommende D-ABEF („Weiden in der Oberpfalz“) persönlich an der Vorfeldposition (vor T2, eine sog. Viktor-Position, V 16x wird es irgendwo gewesen sein…hach).

Auf selbigem Flugzeug war ich selber während meiner Rettungsdienst-Zeit am Flughafen tätig. Die 737 war das kleinste Flugzeug, an welches man mit dem Rettungs-Hubwagen andocken konnte. Die Türkante war so tief, dass man quasi die Rampe nur noch ranfahren musste.

Dieser Maschinentyp war ob seines Alters noch „näher dran“ am realen Fliegen; Lufthansa hatte sogar viele Modelle mit dem Triebwerksanzeigen in analoger Bauweise.

Die laut ratternden Trimmräder, die langen Stellhebel für Flaps, Speed Brake und Triebwerke.

Die fast schon wieder antik wirkenden Flüssigkristalldisplays, die neben einem iPhone schwach aussehen, Mitte der 80er aber der letzte Schrei waren.

Die Triebwerke, die so metallern röhrten im Startlauf, dass ich sie mit geschlossenen Augen erkenne. Die nicht rund sind, da sie sich sonst zu sehr dem Boden nähern würden.

Und wussten Sie, dass der 737-Kabinendurchmesser dem Durchmesser eines Triebwerks der 777 („Tripple Seven“) entspricht?

Und die 1R, die deutlich niedriger ausgelegt war als ihr Gegenüber, die 1L. Die Haupteingangstür. Wie oft habe ich mir an der 1R so derbe den Kopf eingeschlagen und wusste jedes mal, dass die als erwachsene Tür daherkommende 1R doch nur eine Belade- und Fluchtöffnung war. Aua. Denn der Stahl gab keinen Millimeter nach. Ich spüre immer noch diese vom Flug eiskalte Kante genieteten Stahls. Und man konnte sich mit dem Patienten auf der Schaufeltrage nichtmal an den Kopf fassen.

Und diese Türen an sich. Im Gegensatz zum Airbus mit seiner zur Seite aufgehenden Tür, waren die Hebel bei der 737 riesig und die Türen sprangen ins Flugzeuginnere auf, die Ober- und Unterkante an der Außenseite klappte ein, damit die von innen in den Rahmen schließende Tür überhaupt durch den Türrahmen passte. Und dann der Schwenk um 180 Grad – immer in Flugrichtung wohlgemerkt. Nur die 747 toppte mit ihren Riesentüren das Gepresse wie bei einer Geburt bis man dieses metallische Monstrum offen hatte. Wundern tut mich bis heute, dass dabei nie einer aus der Kabine fiel.

In der LH-Ausführung gab es eine schon vor zehn Jahren nostalgisch wirkende Garderobe mit Rolladen; für die flexibel abtrennbare BusinessClass.

Lufthansa wird diese letzten 737 durch die A320-Familie ersetzen, damit endet die Kurzstreckenflotte aus dem Hause Boeing beim Kranich.

Die vier Exemplare sind verkauft, sie gehen auf einen Flugzeugfriedhof in die USA.

Alles Gute, Boeing 737, die mich tausende Kilometer geflogen haben.

Edit/ Videotipp: Farewell Film Lufthansa oder dieser hier.

Artikel in der Flugrevue

Screenshot: Youtube/LH

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