Rezension: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (Live-Audio)

Peter Handke beschimpfte die Gruppe 47 um Hans-Werner Richter, Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki 1966 in Princeton mit seiner historisch gewordenen Aussage, die deutsche Prosa leide unter einer Art Beschreibungsimpotenz. Der Zugang zur damalig im Zenit stehenden Gruppe 47 sei schwieriger als in den Himmel zu kommen, befanden Journalisten. Handke war das schon damals egal, und da war er erst Mitte 20. Seinem Erfolg mit seinem ersten Roman Die Hornissen (Suhrkamp) und seinem Provokationsstück
Publikumsbeschimpfung (Erstaufführung siehe Youtube, 1966; Regie: Claus Peymann) konnte diese Schärfe gegen das Establishment nichts anhaben.

Nun, was hat das mit Joachim Meyerhoffs nun vorgelegter Lesung seines Buches Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke zu tun?

Random House Audio legt hier eine Opus Magnum einer Lesung vor, 12 Stunden und das ganze live vom Autor vorgetragen. — Und er hat mich gekriegt, im Auto, mit der ersten von insgesamt zehn (sic!) CDs. Ich musste so herzlich lachen und im nächsten Moment (Textanschluß!) verstummte ich synchron mit seinem Publikum. Denn Meyerhoff ist wider Handkes Feststellung eine Potenz zu eigen, die einen in einen Bahn außerordentlicher Natur zieht. So parliert er mit tiefen, raueisigem Timbre locker durch seine Zeilen und beschreibt in einer solchen Detailliebe und Sprachgewaltigkeit das Leben seiner Großeltern, bei denen er Wochenenden seiner Kindheit verbringt. Die Skurrilitäten und Eigenheiten dieses von ihm hochverehrten Paares zeigen eine hohe Aufmerksamkeit und Sensibilität gegenüber dem Ist und Sein seiner Umwelt. Und so könnte man meinen, wieder ein vor Details triefender, zur Übermüdung neigender Beschreibungstext, aber nein: Meyerhoff schafft es, sein Publikum durch Text und Lesung abzuholen. Denn an die autobiographische Beschreibung seiner Großeltern schließt er seinen Übergang zu Zivildienst und die Atomisierung seines bisherigen glatten Lebens durch den Unfalltod seines mittleren Bruders an. So findet Meyerhoff immer eine Taktung zwischen den Jovialitäten des Lebens, um dann direkt die Verbindung zu den Abgründen zu skizzieren; in Abhängigkeit, in Folgebegründung.

Meyerhoff ist heute Ensemblemitglied „der Burg“ und neuerdings auch (wieder) des Deutschen Schauspielhauses, Hamburg. Und so beschreibt Meyerhoff seinen Weg in die Schauspielschule. Otto Folckwang in München. Und landet wieder bei seinen Großeltern. Statt im ersehnten Schwesternwohnheim und Zivildienststelle.

Meyerhoff sagt in Interviews, er wolle die Abgründe und die wahnwitzigen Momente des Lebens zeigen; und sein junges Leben scheint dafür viel Stoff geboten zu haben. 

Die Umschreibung des Verlages leidenschaftlich live gelesen vom Autor ist kein Marketing, es ist eine herzerweichende, mitreißende Tatsache.
Meyerhoff nimmt einen mit in sein Leben – und wir sollten dankbar dafür sein.

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke – mehr Informationen hierzu beim Random House.

Ich danke Random House für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars; ich erhalte kein Honorar.

PS: Der Titel ist übrigens ein Werther-Zitat. Und wie trefflich ists fürs Meyerhoffs Leben.

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