Rezension: Ein Winter in Wien

Ich liebe Wien. Ich liebe Winter. Ich liebe Winter in Wien. Quasi eine Verheißung, das neue Buch von Petra Hartlieb, ihres Zeichens Autorin und Inhaberin von zwei Buchhandlungen in der Stadt meiner Träume.

Neben diesen Vorzeichen schafft es Hartlieb mich sofort in den Bann zu ziehen – und das ist selten. So sitze ich, nachdem mir meine Assistentin das Buch ausgepackt reichte, stumm im Sessel und lese los und raune nach zwei Seiten zu Frau Leinweber: „Kaffee, bitte“, welchen sie mir leise und kommentarlos an die Seite stellt. Nun auch noch heißer guter Kaffee, während ich in das verschneite Wien der Jahrhundertwende katapultiert werde. Auf leise knatschenden Schneesohlen nimmt mich die Autorin mit in den Werdegang von Marie. 

…dann dachte sie [Marie] an ihren eigenen Vater, der das Wort nur an sie gerichtet hatte, um ihr knappe Arbeitsanweisungen zu geben, und seine Kinder ansonsten beschimpfte, …

Marie, vom Land stammend, wird das exemplarische Objekt des Zeitenwandels. Chancen auf Bildung, Selbstbestimmung und Lebensaussichten stellen sich beklemmend dar wie schmelzender Schnee im Nacken. Es fröstelt mich, so fein und doch fließend zeichnet Hartlieb die Lage von Frauen und generell einfachen Leuten dieser Zeit. Und der großbürgerlichen Elite, die nicht weniger anders sind in ihrem Verhalten. 

Unglaublich, dass es Menschen gab, für die es normal war, einfach so ein Buch zu bestellen. [denkt Marie]

Gewaltsame, bildungsferne Erziehung, fehlende Rechte der Frauen, erniedrigende Lebenssituationen, und eine Emotionslosigkeit, dass es einen sprachlos lesen lässt. Insbesondere, da diese Realität nur knapp 100 Jahre her ist. Frauen, noch selber mehr Kinder, die straflos vergewaltigt werden, die Eltern nur als Drangsaleure und Ausbeuter erleben, Eliten, die die Erziehung der Kinder fernab an unterbezahlte Angestellte in postsklavischer Art abgeben. 

– Im Theater wirst wohl noch nie gewesen sein.

– Nein, war ich noch nie. Aber ich kann lesen, sagt Marie.

Marie verspricht ihrer Oma, mal ein Theater zu besuchen. Heutige Selbstverständlichkeiten, die damals alles waren: aber nicht selbstverständlich. Theaterbesuche, Lesen, Bücher haben und lesen, Schule länger besuchen als es gesetzlich vorgeschrieben ist –  keine Frage der Wahl, sondern Los der Geburt. 

Der Vater [Schnitzler im Zusammenspiel mit seinem Sohn Heinrich] lachte laut auf, und Marie konnte sich gar nicht sattsehen an diesem Bild.

Halbreiter zeichnet gekonnt die Zeit und Atmosphäre nach, auf leisen sprachlichen Sohlen. Marie kommt über glückselige Umwege als Kindermädchen – und somit in den beruflichen Olymp – zu einer wohlhabenden Familie. Zu keiner geringeren als der Familie um Dr. Arthur Schnitzler, deren Verhalten heutigen familiären Beziehungen zumindest ähneln. 

Ob und wie Marie ihrem Versprechen gegenüber ihrer Oma gerecht wird und was eine Buchhandlung und dessen Angestellter Novak Marie erleben werden lassen, lesen Sie in Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb, erschienen bei Kindler (Rowohlt). 

Die Buchausstattung ist schön, das schmale Format passend, die paketartige Haptik angenehm und der Papierduft satt-süffig und die Serifenschrift ausreichend satt gedruckt. Die Titelschrift und das Muster geben den Stil der großbürgerlicher Wohnhäusers Wien wieder.

Ich empfehle aus vollem Herzen, danke dem Verlag für die freundliche Bereitstellung; ich erhalte kein Honorar.

Eine wunderschöne historische Liebesgeschichte in bibliophiler Ausstattung. 

– sagt der Verlag. Recht hat er.

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