Rezension: Letzte Gespräche mit Papst em. Benedikt XVI.

Ich saß an einem kühlen, nasskalten Aprilnachmittag am zugigen Seiteneingang des Capitol in Hannover. In meinem Ursprungsberuf im Rettungsdienst tätig, war ich an diesem Tag für ein Konzert eingeteilt. Die oft lange Zeit vor der eigentlichen Veranstaltung, vertrödelten wir mit stupidem Warten. Ich hätte diese Szene, wie ich auf der Trage saß und gelangweilt mit den Beinen schaukelte, längst vergessen, weil nur eine von hunderten Szenen solcher Art, doch an diesem Tag gab es im Radio auf der Anfahrt selbst für Atheisten erstaunliche Nachrichten:
Ein Deutscher ist Papst.

Ein Joseph Ratzinger aus Bayern. Nie gehört, aber dennoch spannend, da die Begeisterung hierzu selbst zu Stefan Raab durchschwappte; dessen Sendung damals noch zum abendlichen Pflichtprogramm eines Zwanzigjährigen gehört. Es sei vielleicht der Form halber zu erwähnen, dass wir damals wirklich per Radio im Rettungswagen von der Nachricht erfuhren. 2005, vom Gefühl her gestern, war noch lange nicht die Zeit, in der man die Informationen via Facebook, twitter etc. bekam. Es gab es schlichtweg noch nicht. Vom mobilen Internet auf dem Handy träumte ich zumindest damals auch noch nicht.
Kai Diekmann setzte sich mit der BILD-Schlagzeile „Wir sind Papst“ ein Denkmal der Aufmacher, die Axel Springer AG hing ein haushohes Plakat mit eben diesem Titel an sein Hochhaus in der Axel-Springer-Straße. Noch heute hängen links vor Diekmanns Bürotür die Druckplatten der damaligen Ausgabe. Die flimmernde Erregung über die Tatsache nach hunderten von Jahren einen Landsmann an der spitze der katholischen Weltkirche zu wissen, schien selbst eingefleischte Atheisten und Nicht-Partrioten zumindest ein Schmunzeln in das Gesicht zu zaubern.

Joseph Ratzinger. Deutscher, Bayer, ehemaliger Kardinal. Und: ehemaliger Papst. Eine Situation die vor dem 11. Februar 2013 keiner ahnte. Seit mehr als 700 Jahren ist kein Papst mehr zurückgetreten. Ratzinger tat es, er wollte das Siechtum wie es Johannes Paul II. ereilte, auf keinen Fall erleben. Wider augenscheinlicher Unmöglichkeit, hat sich über drei Jahre später eine angenehme Ruhe über die Tatsache verbreitet, dass es „zwei“ lebende Päpste gibt. Doch wie geht es dem Papst emeritus, der im Kloster Mater Ecclesiae unweit des ehemaligen Dienstsitzes mit seinem Privatsekretär Gänswein und vier Angehörigen der Memores lebt? Wie denkt, redet jemand, der die katholische Weltkirche anführte, wenn er eben nicht mehr im „Dienst“ ist. Und da diesen Zustand seit über 700 Jahren kein Mensch mehr erlebt hat, ist es die Möglichkeit, nachzufragen.

Der Journalist Peter Seewald hat nun bei Droemer Knaur seinen dritten Gesprächsband mit Papst em. Benedikt vorgelegt. Das 280 Seiten starke, im Hardcover gebundene Buch, gibt Einblick in die Denkstruktur des Kirchenmannes Ratzinger. Mit entschiedener und doch leiser Offenheit, parliert er aufgelockert, direkt und präzise über sein Pontifikat, seine Jugend und den Weg zum höchsten Amt der katholischen Kirche.

Das Buch ist handwerklich von guter Qualität, der weiße Einband mit der goldenen Schrift wirkt einer Soutane ähnlich und gibt Wertigkeit. Das Druckbild ist gut lesbar, die Schrift in angenehmer Größe, der Text auf den Seiten kann atmen; Serifen passen zum Kontext. Verwirren tut mich hin und wieder, dass die Antworten nicht kursiv gesetzt sind, sondern die Fragen. Das ist aber sicher nur eine für mich spezielle Wahrnehmung.

Das Buch plaudert keine tief schürfenden Geheimnisse, keine Abrechnungen oder Gemeinheiten aus. Ähnlich wie sein Privatsekretär, ist er leise in seinen Worten und weiß zum Glück genau, was er sagt. Dennoch wirkt der Gesprächsverlauf nicht „durchautorisiert“ wie generell so viele Interview in der Zeitung, bei dem förmlich die Handschrift des Pressereferats zu lesen ist.

Benedikt schildert freimütig, dass Papst Franziskus nach seiner Wahl ihn telefonisch erreichen wollte, doch niemanden erreichte: Der in diesem Moment emeritierte Papst, nebst Mitarbeiterstab, waren zu sehr in das Fernsehprogramm über das Ergebnis des Konklave versunken – keiner hörte das Telefon. Da muss man schon schmunzeln in herzlicher Zugewandtheit solch irdischer Probleme.

Wie der Titel schon sagt, ist für Benedikt selber die Auskunftsgelegenheit in den letzten Zügen. Er wirkt aufgeräumt, in sich ruhend und vorbereitet auf das was kommen wird. So bestätigt es auch Gänswein immer wieder in Interviews. Nicht mehr gut zu Fuß und doch geistig mobil, ist Benedikt in seinem Glauben vereint.

Lesen oder nicht? Ich kann das Buch zur geneigten Lektüre empfehlen. Seewald ist eher ruhiger, zugewandter Frager als motivierter Interviewer. Aber gepaart mit den unaufgeregten, authentischen Antworten Benedikts, macht es es zu einer angenehmen Lektüre.

Weitere Informationen finden Sie bei Droemer Knaur.

Ich danke dem Verlag für die kostenlose Bereitstellung eines Rezensionsexemplars. Ich erhalte kein Honorar. Das Cover wurde mir vom Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

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