Rezension: Bobby

Es ist eine weiße, nach unten abgerundete Uhr mit roten Ziffern. Sie hängt unter dem hellem Buchenholz unseres Küchenschrankes. Sie zeigt 15:01. Im selbigen Apparat tchibo-deskem Designs der Spätneunziger ist auch ein Radio eingebaut. Beworben wird dies als praktisches Küchenradio zur Untermontage. Die Schule ist seit einer Stunde und einundvierzig Minuten aus, der entspannte Teil des Tages könnte beginnen. Und doch wird sich alles ändern, als im Radio am Ende der Nachrichten zur vollen Stunde der Sprecher über Flugzeuge, Hochhaus, New York und World Trade Center spricht. Mit unwissender Haltung nur zur Kenntnis genommen, wird dies ein einschneidender Moment im Leben der allermeisten Menschen. Es wird der Endtag der goldenen Neunziger unter Bill Clinton. Es wird der Beginn von weiterem Krieg, unendlichen Misstrauen und großem Leid. Über Jahre hinweg, Jahrzehnte.

Es ist der 11. September 2001, als Terrorristen vier amerikanische Flugzeuge entführen und sie zu mit Menschen besetzten Raketen umfunktionieren. Der Rest ist Geschichte und eben nicht. Jeder weiß, wo er zu diesem Tage, zu dieser Stunde war, was er dachte und fühlte. Und eben doch keine Ahnung hatte, was uns da allen widerfahren war. Bobby wird dieses alles nicht mehr betreffen, er ist direktes Opfer von 9/11. Einer der 343 Feuerwehrmänner des FDNY, die am Anschlagstag starben. Wie viele Helfer sind und werden noch an den Folgen der Exposition sterben, wie oft sich Schicksale wiederholen? Welche Folgen das für Familien hatte, hat und haben wird. Denn nicht nur der Verlust ist es an sich, es sind die zwischenmenschlichen Folgen, die Familien an dem Tod eines geliebten Menschen zermürbend zerbrechen lässt.

Eddie Joyce Debütroman beschäftigt sich nicht mit weniger als der großen, amerikanischen Neuzeitnarbe. Narben sind ein nachhaltiges Stück vorangegangener Verwundungen. Sie schmerzen und erinnern als Ruf aus der Vergangenheit, die es dadurch zu überwinden schwerer macht. Joyce ist selbst in Staten Island geboren und aufgewachsen; die Sätze atmen Heimat und lokale Kenntnis. Er nutzt die Chance, ein unprätentiöses Bild einer irisch-italienischen Einwandererfamilie zu erschaffen.

Er zeichnet mit passender Sprache die Nachphase einer familiären Tragödie. Der vorher definierte Halt eines Mosaiks, bricht in sich zusammen. Wie lebt und liebt eine Familie weiter? Darf die Witwe wieder einen neuen Mann und somit Liebe finden? Wie können in Rückblick auf den Verlust, zukünftige Ereignisse als positiv wahrgenommen werden? Wie entwickeln sich die Brüder des toten Feuerwehrmannes, des Sohnes – einen stärkt die Krise zu beruflichen Höchstleistungen, den anderen zerstört es am Boden. Die Eltern im Alltagstrott zwischen stoischem Leben und dauerhaften Erinnern.
Joyce bildet eine Familiengeschichte nach 9/11 ab und nutzt die Chance, seinen Figuren eine Tiefe zu geben, indem er sie in einem passenden Milieu stattfinden und agieren lässt.

Was mich persönlich störte an dem Buch, war das Druckbild. Ich finde die Schrift zu klein, die Serifen zu ausgeprägt und die Farbintensität zu schwach. Das Lesen des Buches fiel daher eher schwer aus und fand nur etappenweise statt.

Weitere Informationen finden Sie hier beim Verlag. Ich danke DVA für das kostenfreie Rezensionsexemplar. Ich erhalte kein Honorar.

Bobby von Eddie Joyce
Bobby von Eddie Joyce
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