Rezension: Amerikanisches Tagebuch 1962

„Den las mir mein Vater immer zum Einschlafen vor“, sagte mir ein lieber Bekannter und überzeugter Buchleser. Doch dies war, wie ich dann erfuhr, nicht die wohlige Erinnerung an kindliche Zeiten, sondern an einen einschläfernden Schreibduktus.

Die Rede ist von Siegfried Lenz, guter Freund des Ehepaares Schmidt, Neuberger Weg 80-82 in Hamburg-Langenhorn. Seit November 2015 sind alle drei wieder vereint.
Das amerikanische Tagebuch führt Lenz, als übrigens einziges seines Lebens, während seines Aufenthalts in den USA von Mitte Oktober bis Ende November 1962. Nun waren damals die USA weiter entfernt als sie es heute sind, die Lebensart weltgewandter als im Nachkriegsdeutschland der beginnenden Sechzigerjahre. Lenz wird seitens der USA eingeladen, ein junger aufstrebender Schriftsteller, solle ohne große Erwartungen Land und Leute kennenlernen.

Im Mai 2012 sind es fast fünfzig Jahre, die seine Erinnerungen vom Heute trennen. Für den Verlag Hoffmann & Campe (HoCa) Anlass genug, das Reisetagebuch als Hardcover aufzulegen. In maritimen Blau gebunden, ist es mit angenehm cremefarbenen Papier ausgestattet. Die Einbände kleidet, eine Mode die mir sehr genehm ist, ein Ausschnitt der handschriftlichen Notizen Lenz´. Der Satz kann ordentlich atmen, zu allen Seiten gibt es genügend Platz, den Erlebnissen Raum zu geben.

Leider kommen wir nun wieder auf meinen oben erwähnten Bekannten. Ich habe mich mehrfach an das Buch gewagt und mit Verve mich an verschiedenen Stellen reingelesen; und war doch nicht entflammt. Lenz schreibt eingängig, dennoch flüssig und hat einen dezenten Wechsel von kurzen und mittellangen Sätzen. Dennoch kann sich bei mir kein inhaltlich orientierter Erregungsbogen aufbauen. Mein Interesse versandet nach wenigen Absätzen. Liegt es an der Profanität der Erlebnisse? Am strikt berichtenden, wenig wertenden und immer stets wohlwollendem Inhalt? In mir erklimmt das Gefühl empor, hier eher glattgestrichene Reiseprosa zu lesen, als spannende Erlebnisse in den USA. Nun kann natürlich angeführt werden, in einem Reisetagebuch muss kein spannendes Erlebnis vorgehalten werden. Das ist sicher richtig, doch ist es mir dann einfach zu dürftig.

Handwerklich im schriftstellerischen und verlegerischen Sinne stimmen die Koordinaten, dennoch bin ich nicht die passende Zielgruppe. Wer Lenz gerne liest und seine Eindrücke aus Amerika im Jahre 1962 aber erkunden mag, dem sei dieser Band ans Herz gelegt.

Weitere Informationen finden Sie bei HoCa hier.

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