Endlich vergeben!

…über Erlösendes.

Die Erlösung findet heute nicht mehr mittels einer Abbitte in der Kirche statt. Sie findet statt in der Kongruenz des Seins im Vergleich zu den anderen.
Eine Bekannte von mir wimmerte letztens in den von mir finanzierten Aperol Spritz, sie sei ja nun fast dreißig, habe keinen Freund und keine Aussicht auf ein saturiertes Lebens. Dieses definiere sich, so auf geschickte Nachfrage antwortend, in dem klassischen Dreisatz der Mittelschicht: Wohneigentum, Heirat und Nachwuchs.
Warum sie denn das unbedingt wolle und wenn überhaupt, warum denn jetzt? Die Antwort war, allen ernstes: Weil alle anderen heirateten und sie ja wohl nichts hinbekäme.
Uff.
Was soll man auf sowas antworten? Man könnte sie als einfach gestrickt bezeichnen und den Vorgang abhaken. Aber das ist es nicht. So einfach ist es vor allem nicht. Sie ist zwar intellektuell und reflektorisch nicht die hellste Kerze auf der Torte, dennoch ist das nicht das auslösende Moment. Woher ich das weiß? Weil ich dieses Movement moralischen Änderungsverhalten auf allen Ebenen ausmache. Mit erschreckender Tendenz der wahllosen Partnersuche. Die Marschrichtung ist der Partner um des Partnerhabens Willen. Wer das dann ist, ist fast Nebensache. So pendelt die Relevanz von Attributen zwischen Äußerlichkeiten (Bart! Tattoos! Gepflegt!) und moralischer Gehorsamkeit (Ehrlich! Treu! Verlässlich!). Final sind es eher die Kriterien an das Verhalten eines Rauhaardackels. Denn neben den o.g. Eigenschaften, soll der Auserwählte (kann froh sein, wenn ich ihn nehme!) auch eine Hybris eines Menschen sein: Liebhaber, bester Freund, Kumpel, gerne handwerklich begabt, mit Auto und dann auch gerne mit Führerschein. Man sei ja schließlich kein Taxi. Nun, die letzte Forderung völlig verschiedener kumulierter Typenarten kulminiert in der erwartbaren Frustration: Das gibt es nicht. So sehr man mit dem Fuß auf den Boden stampft, so sehr man schimpft und anklagt, so sehr man es aber auch immer gesagt bekommen hat. Diesen Typ Mann gibt es nicht. Es kann ihn, soziologisch und evolutionär, nicht geben. Wenn man es zu diesem Punkt der Diskussion geschafft hat (ohne Aperol im Gesicht), kippt die Diskussion in regressive Denk- und Verhaltensmuster mit flehender Komponente. Irgendwo müsse er doch sein, dieser Ritter, der einen so nehme wie man eben (verkorkst) ist, respektive wurde. Es wird sich fabuliert, nur der Wille daran werde schon das Schicksal bezwingen, und alles werde gut. Hollywood-Happy-End-Theorie trifft Real Life.
Dazwischen bimmelt die Pokémon-App.
Optimismus in gesunden Maßen, hilft zu leben. Romantische Verklärungen bis wahnhafter Vorstellung des obligaten Erfüllungszugeständnis des Lebensverlaufs, sind dann aber genau die Zustände, die Beziehungen nicht enden, sondern zerbersten lassen. Allseitige durchgehende Überforderung sorgt für eine Implosion aller Zuneigung. Gestiegene technische Auswahlmöglichkeit, eingetrichterte Verhaltensweisen (Du bist Prinzessin! Das steht dir zu! Verkauf´ dich nicht unter Wert!), Sicherheit fordernde, statische Beziehungen ohne große, anhaltende Investitionsarbeit, sorgen dafür, dass Ehen vor dem Richter und Beziehungen auf der Straße sich in mehr Teile zersetzen, als aus denen sie je bestanden haben. Hätten haben können.
Ich habe jemanden kennengelernt, sagte mir nun meine Bekannte – die mit dem Aperol Spritz. Es klingt nicht nach einer Mitteilung, sondern einem Statement. Schultz von Thun hätte seine helle Freude.
Die Appellebene ruft: Schau, auch ich konnte es schaffen, bleib du auch nicht allein!
Die Selbstaussage brüllt trotzig: Hah, siehst du, ich bin doch noch begehrt, das Leben hat doch einen (gerechten) Sinn und Verlauf!
Die Beziehungsebene röhrt: Siehst du, auf dein Mitleid bin ich nicht angewiesen, weil wegen siehe oben!
Die Sachebene sagt: Ich habe jetzt einen Freund. Meiner.

Es gibt bei diesen Bekannten zwei Stillephasen der Kommunikation.
a) Die Phase des Kennenlernens und b) die Trennung.
Ich warte auf Phase b).

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