Lese-Tipp: Slow und jetzt mal ganz langsam!

..über Auslassendes.

Winfried Hille legt mit „Slow“ einen Leitfaden für ein bewussteres Leben vor. Das Thema ist immer etwas tendenziös, da es schnell zu einer „Klangschalen“-Ebene kommen kann. Bei Robert Betz zum Beispiel, der aber auch viel Richtiges sagt. Ich beurteile nun nur das mir vorliegende Buch und nicht die sonstige Tätigkeit oder Publikation von Winfried Hille.

Das im Gütersloher Verlagshaus (Random House) erschienene 190 Seiten starke gebundene Buch beleuchtet in 10 Hauptkapiteln die verschiedenen Wirkbereiche des Slow-Lebensstiles. Sei es beim Reisen, dem Essen, der Liebe, dem Arbeiten oder den zwischenmenschlichen Beziehungen.
Hille skizziert nicht übertrieben eine Gesellschaft in der Hast, immer in der Angst, nicht mehr mitzukommen, etwas zu verpassen, eine bessere Option nicht wahrzunehmen. In seiner so zur Anklage werdenden Position, hat er recht.

Die meisten Menschen sind immer im Stress, am Limit und tun alles, um „richtig“ zu sein. Performance und Vergleichbarkeit sind alles. Konsum und dessen Finanzierung sind die Motoren für jedwedes Tun und Taktieren. Der Partner, die Freunde, die Karriere – alles könnte besser sein. Online zu sein ist obligat und jeder Moment wird auf die Darstellbarkeit vor anderen abgeklopft. Likes sind die Schulterklopfer des digitalen Lebens, offline ist quasi ein menschliches Vorsiechtum. Die Menschen verlieren sich, sind nicht abgelöst vom Elternhaus oder Wechseln direkt von der Anbindung an die Eltern an die Technik. Fluch und Segen zugleich.

Wo werden die selbständigen, kritischen Menschen bleiben? Menschen, die keinen Stundenplan zum Studieren brauchen, die nicht eine App als Stylingeberater hinzuziehen und auf die Frage, warum sie etwas bestimmtes kaufen, mit wahnhaften Konsumblick antworten: Ich brauche das jetzt einfach. Der Dispo ist mehr am Anschlag als die Ratio es jemals sein könnte, doch das Netzwerk drängt. Der Partner auch. Tinder bietet unendliche Optionen. Die Welt liegt zu Füßen, wer will sich da noch entscheiden.

Die Frage aber ist, was erleben die Menschen wirklich noch? Wer hört noch aktiv zu? Auch ohne auf das Smartphone zu blicken, schaffen die Menschen immer kürzere Aufmerksamkeitsspannen. So rät Rolf Dobelli zur strikten News-Diät und mehr dem Konsum langer Textstücke.

Und wo liegt der Kern bei der jungen Generation? Es fängt lange vor der Schule an. Heute bei meinem französischen Café, setzten Eltern ihr eineinhalb jähriges Mädchen vors Smartphone auf dem eine beliebige Comic-Serie lief. Die Eltern hielten es nicht aus, sich um das Kind zu kümmern, oder auch nur zu ertragen, dass das Kind einfach mal nichts zur „Bespaßung“ vor sich hatte. Eine furchtbare Szene! Was soll aus diesem Kind werden? Wie soll es sich zurechtfinden, wenn es von Grund auf erzogen bekommt, auf ein Display mit Internet angewiesen zu sein?

Alleinsein und Aushalten von Situationen sind auch Hilles Themen. So beleuchtet der Autor im Reisekapitel die Erfahrungen des Allein-Reisens. Wer hält das noch aus? Da wird lieber mit Freunden in den Urlaub gefahren, die man eigentlich gar nicht kennt und noch viel weniger mag. Doch bloß nicht alleine ist die Losung. Was du machst am Wochenende nichts? Was ist los mit dir, schallt es einem unentwegt entgegen. Die Unterstellung seelischen Leidens ist nur einen Haarspalt entfernt. Beziehungen werden eingegangen, um der Einsamkeit zu entgehen, Partner werden zum auswechselbaren Lebensvehikel.

Hille spart nicht mit Zitaten. Quasi an jeder Ecke wartet er mit guten und sinnpassenden Worten weiser Menschen. Doch es erscheint gesamt etwas gedrungen, was Hille da aneinanderreiht.
Es wirkt trotz aller inhaltlichen Richtigkeit nicht „Slow“, das „Slow-Buch“.
So ist hier weniger am Inhalt, als an der optischen Aufbereitung zu kritisieren. Das Buch atmet hektisch, die Einleitung beginnt auf einer Rückseite und halbe Leerseiten sind praktisch nicht vorhanden.
Das nervt.
Es ist eng gedrungen, es stresst mich beim Lesen. Das zieht sich durch das ganze Buch. Dafür bin ich dem Verlag etwas gram.
Dennoch sollte man Hille die Lesechance geben. Er seziert das Thema „Leben“ und dessen Geschwindigkeit auf guten 190 Seiten in überzeugender Detailgenauigkeit.

Ich hingegen werde nun den Laptop schließen und mich auf mein Bett legen und gar nichts tun. Warum? Weil das Leben ist.

Alles weitere finden Sie beim Verlag hier.

Was sollten Sie auch lesen?
– „Muße“ von Ulrich Schnabel
– „Das Café am Rande der Welt“ von John Strelecky
– „Slow Travel“ von Dan Kieran
– „Wofür es sich zu leben lohnt“ von Robert Pfaller (Achtung, schwere Lektüre!)
Das Buch wurde mir kostenfrei als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Ein Honorar erhalte ich nicht.

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Quelle: Gütersloher Verlagshaus/ Random House via BloggerPortal

 

 

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