Lese-Tipp: di Lorenzo hat versagt und Lubbadeh ist unsterblich

…über Klonbares.

ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hat versagt! Denn, so di Lorenzo bei einer Rede an der Katholischen Journalistenschule ifp in München, zu seinen anstrengendsten Aufgaben bei der ZEIT gehöre, den Redakteuren das Gefühl wegzunehmen, sie seien Schriftsteller.*
Im Fall des freien Autors im Ressort Wissen, Jens Lubbadeh, hat das nun nicht ganz funktioniert. Mit dem Wegnehmen. Dafür gibt der Hamburger mit „Unsterblich“ seinen Debüt-Roman bei Heyne der Öffentlichkeit her. Und als Wissenschaftsjournalist ist sein Blick nach vorne gerichtet. Eine „Dystopie“, wie ich lernen durfte.

Im Jahr 2044 ist der Tod, scheinbar, überwunden. Die Menschen leben fortan als eine Art Klone, ja quasi als Hologramm. Genannt „Ewige“, fristen sie ihr bewusstseinsloses und unsterbliches Dasein für die wahrhafte Ewigkeit.
Nicht berührbar und dennoch fort ist der Klon von Marlene Dietrich. Benjamin Kari, Mitarbeiter der Versicherungsfirma Fidelity, wird nun mit der Suche von ihr beauftragt. Fidelity ist für die Zertifizierung der Ewigen verantwortlich, die seitens der Firma Immortal erschaffen werden. Quasi der Auditor der Zukunft.
Auf verworrenen Wegen und zusammen mit Journalistin Eva (welch´passend-schöpferischer Name…) begibt sich Kari auf die Suche nach der Dietrich.
Die Suche an sich dient immer wieder als Projektionsfläche für die Betrachtung von ethischen Gesellschaftsfragen: Welche Grenzen gebietet die technische Grenzenlosigkeit? Gibt sie wirklich Ersatz oder ist der Betrug ein viel größerer Verlust? Dietrichs digitaler Klon ist fix 36 Jahre alt. So etwas würden sich viele Freundinnen von Leonardo di Caprio wünschen – es würde sie vor dem Austausch vielleicht retten. Und vielleicht würde der Herr gar keinen Unterschied feststellen.
Die Suche verändert Kari und lässt ihn die großen, fundamentalen Sinnfragen zu sich und seiner Tätigkeit und dem System ansich stellen.
Lubbadeh greift die Urangst des Menschen auf. Die Angst vor dem Tod, dem Sterben und vor allem der Endlichkeit. Welchen Preis wollen wir bezahlen, um diesem zu entgehen? Der Preis in „Unsterblich“ scheint ein hoher zu sein. Die vollständige Unterwerfung des Menschen unter die Technik, die Unkontrollierbarkeit und der fahle Beigeschmack, mit den Ewigen doch nur eine sehr dürftige Variante einer ewigen Fortführung eines jeweils einzigartigen Wesens geschaffen zu haben.
Wahrhaft unsterblich ist nur einer geworden: Jens Lubbadeh hat sich mit seinem Werk den unsterblichen Platz in den Reihen der Romanautoren gesichert.

Das Buch an sich ist ein sehr wertiges Paperback mit exakt 445 Seiten. Die stilisierte Silhouette der Dietrich erscheint sowohl auf dem Cover als auch durchweg im Buch, die goldene Titelschrift ist geprägt.

Mein Fazit: Gut geschrieben und dennoch können mich visionäre Plots im Sinne der Zukunftsgestaltung menschlicher Endlichkeit nicht wirklich vom Hocker hauen. Das liegt aber an mir und nicht an dem gut geschriebenen Buch mit spannendem Plot. Für alle harten Realisten wie mich, ist es aber zumindest eine neckische Erfahrung. Und wer weiß, bei der Angst, die die meisten Menschen vor ihrer Endlichkeit haben, werden einige bereit sein, diesen hohen Preis zu zahlen. Dazu kann man sich gerne bei Friedman die Folge „TOD!“ mit Wolfgang Huber vom 26.04.2016 anhören.

Mehr Informationen zum Buch erhalten Sie beim Verlag (Heyne gehört zu Random House).
Und lesen Sie auch von Lubbadeh: „Virtuell in alle Ewigkeit“ in: ZEIT 31/2016
* = in den ersten dreißig Sekunden des Videos
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Heyne Verlag als kostenfreies Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Ich erhalte kein Honorar.

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Quelle: Heyne/ Random House via BloggerPortal

 

 

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