Lese-Tipp: Alles Theater

…über danach.

Ich schreibe diese Besprechung in Wien, in direkter Nachbarschaft zur Oper, einen Steinwurf weiter ist „die Burg“, das Theater in der Josefstadt ist auch nicht wirklich weit. Wo sollte man sonst ein solches Buch besser besprechen können? Gestern fädelte ich mich in einen Strom von Musikern ein, die nach ihrer Gustav Mahler Aufführung den Weg zur Hotel(-Bar) aufnahmen und die in dem Buch konservierte Stimmung ausstrahlten.

Die äußerliche Schönheit des Buches nahm mich im Hugendubel gefangen. Eines der wenigen Argumente für eine reale Buchhandlung. Stromernd passierte ich die recht kleine Ecke der „Theaterwissenschaften“ und das samtfarbene Rot des Covers fing meinen Blick. Das im Insel Verlag erschienene Buch zeigt ein Blick in einen Zuschauerraum, der klassischer nicht sein könnte. Samtrote Sitze werden nach oben hin durch mit Stuck verzierte Ränge nebst Leuchtern abgegrenzt, der Einband führt diese ergreifende Farbe totalitär weiter. Typisch für Insel ist das Hardcover mit Farbenbindung und der im Schulheftstil eingelassene Titel. Alleine Berührung und Anblick des Buches reichen schon für den literarischen Lustgewinn. Das Papier duftet bildbandartig. Und das trifft es fast schon korrekt.

Die Fotografin Margerita Broich zeigt Schauspieler/-innen im Schmelztigel ihres Seins. Selbst auch Schauspielerin, begann sie nach einer Vorstellung sich zu fotografieren. Damit startete, wie sie schreibt, ihre konzeptionelle Arbeit. Und so fing sie an, vor oder nach Proben oder Auftritten die Aura der Verausgabung, der Ekstase dieses außergewöhnlichen Berufes einzufangen – wenn man nach der Lektüre überhaupt noch von Beruf reden kann.

31 Künstler erfasst sie in passenden wie unpassenden Momenten. Alle vereint, sie sind im Grenzgebiet ihrer Rolle. Noch in oder schon in Kostüm und Maske und doch blitzt die eigentliche Person noch unter dem Mantel der vollkommenen Verwandlung hervor. Allein die farbkräftigen Bilder binden die Blicke des Lesers und werden vollendend vereinnahmt durch die Texte von Brigitte Landes. Die in der Ich-Form verfassten Texte vereint die Unvereinbarkeit ihres Stiles, ihrer Aussagen, ihres Daherkommens. Und doch beschreiben alle die Klippe des Seins, des Darstellens. Sie Beschreiben die Grenze und deren pflichtgemäße Überschreitung. Das Erreichen des Optimums und den entsprechenden körperlichen und psychischen Erscheinigungen dieses energievollen Strebens. Der selige Otto Sander schafft dabei die kürzeste, wenn gar nicht pointierteste, Aussage: „Kellner, Nutten, Taxifahrer und Schauspieler. Alles dasselbe. Dienstleistendes Gewerbe.“

Ich kann dieses Buch von Herzen empfehlen, es ist im Bild- wie im Textbereich voller Hingabe und Herzlichkeit gestaltet und wird abgerundet durch einen Verlag, dessen Herstellungsweise diesem hochsensiblen Stoff gerecht wird.

Die „teuren“ 18,50 Euro wiegen daher nicht schwer. Sie wirken sogar federleicht.

Mehr Informationen erhalten Sie beim Suhrkamp-Verlag


Kleines Nebendetail sei neben den Copyright-Hinweisen die liebevollen Angaben über Bindung und Papierherkunft.

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