Abschied von Roger Willemsen

…über wirklich Finales.

Am Vorabend weint Hamburg, doch Hamburg weint immer. Es liegt ein glasiger Schleier nieselhaften Regens über der Stadt. Glasierend und kühlend zugleich. Am Ohlsdorfer U-Bahnhof herrscht die dichteste Ansammlung an Blumenläden (auch Grabgestecke!) in U-Bahnhöfen. Das Wetter ist kühl, der Himmel geschlossen bedeckt, aber nicht zu dunkel, die Autogeräusche dringen unwirklich auf das Gelände des riesigen Friedhofs Ohlsdorf, auf dem zwei eigene Buslinien der HVV fahren. Vereinzelt streifen Flugzeuge die Trauerhalle – diese liegt in der Anfluggrundlinie von Fuhlsbüttel. Die Trauerhalle besticht durch dunklen Klinker und wohlgeformter und massiver Architektur. Im Inneren ragt an der hinteren Wand ein riesiges Mosaik in die nach oben rund abschließende Deckenhalle.

Es gilt auch in schlechten Zeiten seine Überzeugung zu demonstrieren

Es war ein harter Weg hin und eine sehr traurige Abschiedszeremonie, die aber mit unterschwelliger Willemsenheiterkeit geschwängerter Luft unterfüttert war. Es war angenehm gestaltet; seine Freunde, sein Verlag, seine Freundin vom afghanischen Frauenverein sprachen passend, treffend, erquickend und zum Heulen emotional richtig. Ein großes Glück schien gewesen zu sein, dass Roger Willemsen alles selber zu Lebzeiten festlegen konnte und somit selbstbestimmt Abschied nehmen konnte. Diesen Schluss ließen auch weitere Äußerungen in den Reden, die ich aber nicht en detail wiedergeben möchte. Die von Willemsen getroffene Musikauswahl war er. Filigran, geschmackvoll, mit dem gewissen Hang zum Ausgefallenen und doch Verbindenden.

Am Ende konnte sich jeder bei der finalen Abschiednahme am Sarg ein Topf Ranunkeln mitnehmen – Willemsens Lieblingsblumen (vgl. ‚Bauerfeind assistiert‘ mit Roger Willemsen). Und so verteilt sich sichtlich das, was Willemsen bereits in den Herzen seiner Freunde und Bewunderer schaffte, mittels Blumen – der Ohlsdorfer U-Bahnhof ist gespickt mit Ranunkelntragenden Menschen, die in alle Richtungen verstreuen. Und dennoch von ihm begleitet werden – außen wie innen.


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