Die Frankfurter Schere

…über Lebenswege.

Ich sitze im Extra-Blatt. Ein Besuch der sich nie lohnt, aber der einzige Laden mit EC-Zahlfunktion für den faulen Autor. Neben mir zwei Männer in ihren besten Berufssprungjahren. Beide kennen sich aus dem Studium, beide haben ihre Freundin aus dem Studium mitgenommen. Die Unterhaltung, der ich als unbekannter Sitznachbar folgen muss und bald möchte, beschreibt einen Situation derer ich mich in Frankfurt am Main soziologisch immer wieder extrem ausgesetzt sehe. Es wird schnell existenzialistisch. Von dem generellen Lebensstandardvergleich kommt es schnell zu den Essentials der Lebensplanung. Denn beide mit dem Bachelor fertig, stehen vor wichtigen Weichen ihres Lebens. Sie sind  vergeben und fühlen sich der Situation ergeben. Die Wohnungen, die sie alleine nie zahlen könnten, machen den Bund mit den jeweiligen Frauen nicht fürs Leben sondern für die nächste Miete. Denn allein könnte keiner sein Leben in Frankfurt bezahlen, da jetzt schon nichts zum Sparen bliebe. Von Kindern ganz zu schweigen, denn schon jetzt gehen sie sich in den Zwei-Zimmer-Geldgruben auf die Nerven. Die Frau (korrekt: Freundin) des einen  verdient 1/3 mehr als er, hat dadurch aber nach Zuzug nach FFM aber keinerlei soziale Kontakte. Er fühle sich als Babysitter. Aber zumindest die Hochzeit stehe nicht zur Disskussion. Mindestens 1,5 Jahre, sie habe erstmal den Master vor sich und generell, so beide unisono, fühle man sich zu jung fürs Heiraten. Seine Freundin habe ihm gestanden, dass seine (scheinbar) arbeitslose Zeit nach dem Bachelor sie sehr belastet habe, und er am Lago Maggiore liegend im Urlaub von der Neuanstellung erfahren habe – mehr zum Glück seiner Freundin wegen. Er könne beim Lebensstil seiner Freundin denn auch mit seinem Job nicht mithalten, was einen latenten Druck in ihm ausübe. 

Die Schere des Frankfurter Seins illustriert sich an den beiden gut, und an ihren Geschichten. So habe sich die Empfangsdame in seiner Firma aktiv entschieden ihr Kind im Ost- statt im Westend auf die weiterführende Schule zu geben. Dem Druck, nicht die finanziellen Ressourcen der zugezogenen Reich-Westendern bieten zu können, war ihr zu hart. Denn die Kinder sind Abbilder ihrer Eltern. Ohne Hilfiger-Klamotten, iPhone 6s in der Bonbour-Jackentasche gehe dort nichts mehr. Da helfe auch nicht, dass sie schon 40 Jahre im Westend lebe – es sei eben nicht mehr dasselbe. Und so gehen beide gedanklich alle Kreise um Frankfurt durch und landen im Main-Taunus-Kreis – dem teuersten Deutschlands. So lassen sie das Thema ziehen und gehen über zur Weisheitszahn-OP des einen. 

Ungeachtet der Analogie ihrer jungen Erwartungen, die auf das Leben stoßen.

  

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