Liebe in der Straßenbahn

…über erste Kontakte.

Nun folgend eine „Szene“ aus einer Straßenbahn in Berlin. Gesprochen wurde nicht, aber hingebungsvoll lieben geübt.

In einer Berliner Straßenbahn. Fahrtrichtung: Erste Liebe.

Ein junges Pärchen schmiegt sich an die robuste Polsterung der BVG-Bahn, die durchs ostdeutsche Berliner Randgebiet rumpelt. Doch der Weg ist hier nicht das Ziel, sondern der Moment schmilzt statisch. Das Paar sitzt mir gegenüber und ist dennoch ganz woanders. Das Ziel ist hier schon erreicht. Der Fahrtweg unerheblich. Beide sind noch weit weg von einer Fahrerlaubnis, aber die Liebeserlaubnis ist ihnen hormonell intrinsisch entsprungen. Eine wahre Knospe der Liebe, eine Versinnbildlichung der Evolution sitzt in Sichtweite. So fest und jung, so zerbrechlich wirken beide in ihrer Aktion. Die Griffe der gegenseitigen Vereinnahmung gehören noch geübt. Bedingt die Liebe die Triebe oder die Triebe die Liebe? Oder ist es zwingende gleichzeitige Notwendigkeit?

Der Trageriemen seiner Sporttasche zerrt an ihm und seiner Markenfunktionsjacke, gar als wollte sie ihn zurückhalten, doch er ist nicht zurückzuhalten. Die Tasche ist genauso machtlos wie die Eltern, denen die Kontrolle sichtbar entgleitet. Zum Glück.

Es herrscht eine magnetische Zellenstimmung an der Sitzgruppe direkt neben dem Faltenbalg. Von Falten sind die beiden weiter weg, als alle anderen in der Bahn. Die Sonne steht an diesem Winternachmittag tief, es besteht prolongierte Herbstromantik im November. Die Sonne sinkt mit sattem Warm hinter die die Straße säumenden, hohen Wohnhäuser.

Nur das Smartphone unterbricht die Stimmung und gleicht einem symmetrischen Schmetterlingsbild der beiderseitigen Handynutzung. Jegliche Verklärung des Smartphones ist ein Festhalten an scheinbar alten, angeblich besseren Werten. Das Smartphone ist die zweite Liebe. Neben einem Menschen, oder statt ihm. Es ist eine ähnlich magnetische Beziehung. Die Verweigerung dieser Erkenntnis ist dumm.

Die nun folgenden Küsse könnten nicht mit mehr Hingabe und inständiger Bitte um Zuneigung erfolgen.

So flüstert er in ihr herangezogenes Ohr und doch schreit er laut seinen Zustand in die Bahn. Sie fassen gegenseitig ihr Kinn; es wirkt nach Versicherung, dass das Gegenüber wirklich physisch existent ist und nicht nur eine der vielen Vorstellungen.
Sie in ausdrucksloser Mainstreamschönheit schmiegt sich an seine Sparkassenmitarbeiteroptik (in spe). Beide erfüllt das Gefühl einer völlig selbstbestimmten Zukunft und doch sind ihre Wege so vorgeschrieben wie der Liniennetzplan der BVG. Ihr Gefühl der Zeitlosigkeit, ja der Endlosigkeit des Moments sind trügerische Ansichten des noch nicht Erfahrenen. Wo geht ihr gemeinsamer Weg hin? Wo und wie wird er sich wohl trennen? Oder wer wird die beiden trennen?

Ihre Liebe spielt sich in einer BVG-Tarifzone ab;
Zusatztickets noch nicht möglich, noch nicht relevant.

Doch die Zonen werden sich um Erfahrungen bald erweitern – schmerzhaft, rückblickend, fieberhaft und irreversibel.

Das wissen alle um sie herum. Nur sie nicht.

Das ist ihre Rettung.

Vorerst.

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