Ich muss doch jetzt ins Bett!

…über verpasste Momente.

Wie oft höre ich Sätze, die den immer gleichen Tenor haben: „Ich muss nun los“, „Ich muss nun ins Bett, weil morgen früh raus“, etc. Und immer frage ich die Menschen dann, ob es denn gerade schön sei und es ihnen gutgehe. Und alle antworten immer mit einem „Ja“. Also sehr meistens.
Und da beginnt das Problem. Denn warum sind wir so gedrillt darauf, nicht den Moment zu schätzen, sondern scheinbar wichtige, aber in der Zukunft liegenden Verpflichtungen so dermaßen zu huldigen, dass wir das (schöne) Hier und Jetzt nicht zu schätzen (sprich genießen) und zu würdigen (sprich dankbar sein, dass es überhaupt eintritt) wissen? Nein, immer wird der Wurst der paradiesischen Erlösung hinterhergehechelt.
Nurmehr wird mir immer wieder bewusst in welchen Zwängen Menschen stecken und das auch einfach so annehmen. Ich kann so nicht leben und auch nicht arbeiten. Besonders die guten Ideen, den Drive zum Abschluss eines Textes oder einer Arbeit, sind bei mir immer asynchron. Wie sicher bei allen Kreativen. Und wie kreativ und vor allem produktiv könnten wir alle sein, wenn wir nach unserem Rhythmus sein könnten, bzw. dürften? Es sind die seltenen Momente meines beruflichen Daseins, in denen ich wirklich merke, wie frei ich über meine Zeit und meine Muße verfügen kann. Und wie wenige Menschen das können, und noch schlimmer: wollen. Denn die meisten ist der Zwang auch gleichzeitig Begründung und Ausrede zugleich, sich in einem gehetzten und fremdbestimmten Leben zurechtzuargumentieren. Daher werde ich immer mehr ein lauter Befürworter für das Bedingungslose Grundeinkommen, welches z.B. Götz Werner (dm-Gründer), fordert. Auch die Multi-Millionen-Erbin Ise Bosch lässt in einer Reportage verlauten, dass die meisten Menschen ihr Geld nicht mit sinnvoller Arbeit verdienten, sondern etwas machten, um auszukommen.
Wie trostlos sind wir hier von Elternhaus und Bildungsweg vorgeprägt, gedrillt auf Passform und Befolgen; was sollen denn die Nachbarn denken?! – Wenn man drüber lästert, klingt es banal, ist es aber oft nicht. Zwischen Carport und Reihenhaus werden diese Denkmuster schnell zu böser Realität ungeahnten Ausmaßes.
Gerne gesehen an Männern, die man in zwei Phasen oder Aggregatszuständen beobachten kann: In der Öffentlichkeit (wie sie gerne wären) und in der ReihenhausCarportEhefrau-Situation (wie sie sind), wo aus dem bellenden Löwen plötzlich ein horchendes, schreckhaftes und gehorchendes Wesen wird, welches seiner Zweckerfüllung dienlich erscheinen will. So sind viele Menschen ein Zerrwesen ihrer Umwelt. Das sind wir alle, gewiss. Doch diese der scheinbaren Norm menschlichen Daseins in der westlichen Welt entsprechende Haltung vieler Menschen, sorgt für explosionsartige Entladungen der Zerrweltbeanspruchung. Dies kann man in allen Situationen beobachten, wenn diese als besonders brav und angepassten Menschen, sich plötzlich von der sie sonst beherrschenden Zerrwelt entledigt fühlen. Sei es bei einer Ortsveränderung, einer Umfeldsveränderung oder sonstigen Möglichkeiten dem beobachtend-bewertenden Alltag zu entrinnen. Was glauben Sie, warum After-Show-Parties bei Messen so beliebt sind? Nicht wegen dem inhaltlichen Angebot;da hört auch keiner Musik. Es ist eine Enklave, eine Reisegruppe fernab der sie sonst leitenden Ansprüche. Deshalb tendieren viele auf diesen Feiern zu einem Extrem des Kontrollverlustes, dessen man sich fürchten kann. Und doch beweist es, welchem enomen Druck Menschen in ihrem Alltag ausgesetzt sind. Sie sind eben nicht frei; egal wo sie hinreisen – egal an welches All-Inclusive-Buffett dieser Welt -, egal was sie sich kaufen. Sie sind immer in Zwängen. Sagen Sie mal jemandem, dass sie alleine ins Theater gehen, oder alleine Zeitunglesen im Café – oder einfach mal nichts machen wollen. Versuchen Sie es mal (- auch wenn Sie es vll. gar nicht wirklich vorhaben! -): Die Menschen flippen aus, fühlen sich teilweise sogar veräppelt, gar beleidigt. Es liegt außerhalb ihrer Vorstellung; und sie wollen es sich auch gar nicht vorstellen, denn es würde bei genauerer Betrachtung einen Anflug von Freiheit offenbaren, den sie gar nicht händeln könnten. Wenn keine Verwandschaft mehr da ist, für die es sich unbedingt zu zerreiben gilt (die das meistens gar nicht will, aber das sagt ja keiner), wenn die Kinder mal das machen, was sie wollen, wenn kein Partner zu betüddeln und maßzuregeln ist („…ohne mich schafft der das ja nicht!“). Die Menschen beginnen beim ersten Anflug dieses Gedanken schon innerlich den Halt zu verlieren. Die Reeling des normalen Dramengestells entgleitet aus ihrer verkrallenden Handhaltung. Es darf nicht schön sein! So einfach ist das alles nicht! – meinen sie zumindest. Wer könnte es ihnen verübeln, sie wurden so konditioniert. Und doch gibt es sie, die Menschen, die reflektiert und freiheitlich sind und denken. Aber sie sind selten und scheu. So sagte Giovanni di Lorenzo in einem Interview 2010 (zu seinem damals neuen Buch: Wofür stehst du? – mit Axel Hacke), dass es die Menschen mit dem Strahlen in den Augen {doch} gäbe.

Und wann strahlen Sie mal wieder?

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