Menschen, die Menschen sein lassen können

Wenn die Reaktion die Kritik ist.

Unlängst lernte ich eine Frau kennen. Nett, gebildet, eloquent. Und doch engstirnig. Denn als sie erfuhr, dass ich ein Blog betreibe, kam nicht die neutrale quittierende Antwort bei Desinteresse oder eine interessierte Nachfrage. Nein, es kam der moralische Zeigefinger. Geschickt getarnt mit der Aussage „Hast du etwa einen Mitteilungsdrang?!“. Quasi als Zeigefinger und Frage nach der ICD-10-Diagnose in einem. Doch was veranlasst Menschen, Menschen, die sie noch gar nicht richtig kennen, gleich negativ konnotiert zu bewerten. Wollen sie das wirklich? Ist es elterlich-gesellschaftliche Dressur? Warum fällt es uns (ja, mir sicher manchmal auch) so schwer, andere einfach mal so sein zu lassen, wie wir nunmal sind.
Warum muss ich mich für mein Blog rechtfertigen, warum muss ich mich rechtfertigen, wenn ich etwas nicht tue? Warum werden Handy-affine Menschen von vermeintlichen Gutmenschen zurechtgewiesen, sie sollen doch am „echten“ Leben teilnehmen? Früher hätte man ja. – Nein, hat man nicht! Man fand andere Wege der gegenseitigen Vermeidung. Und jeder darf und soll sogar für sich selbst definieren, was er will, denn er, und nur er, muss rückwirkend damit zufrieden gewesen sein.

Zwei weitere Beispiele:
– Ich stehe gerne an Bahnhöfen und gucke Züge. Neudeutsch und in eher professionellen Kreisen spricht man derweil auch von „Spotten“. Ich mache das ganz unprofessionell: Ohne Fahrplan, ohne Kamera, ohne wirklichen Zweck. Mir macht das Spaß, schon mein ganzes Leben lang. Bahnhöfe, Flughäfen hatten für mich seit Kindesbeinen an etwas Magisches, Faszinierendes. Es zog mich immer dorthin. Als Kind war für mich wochenends die größte Belohnung zum Bahnhof und -die Krönung- zum Flughafen fahren zu können. Mehr brauchte ich nicht zur Glückseligkeit. Es faszinierte mich so sehr, dass ich vier Jahre am Flughafen Frankfurt im Rettungsdienst arbeitete. Meine spannendsten Jahre im rettungsdienstlichen Berufsleben. Leben retten zwischen Ankunft und Abflug. Für mich flimmerte es vor Emotionen, Erlebnissen und Erfahrungen. Sicherlich Eindrücke, die viele andere Leute nicht beeindrucken. Ist halt nen´ Flughafen. Aber kritisiere ich diese Leute dafür? Nein. Mir wurscht. Aber umgekehrt sollen sie mir meine Eigenheit auch nicht „zerfragen“.

Beispiel 2: Ich mag keine Feste. Frühlingsfest, Sommerfest, Strassenfest, Bahnhofsviertelfest, Maschseefest. Immer derselbe Mist. Ich mag es, wenn eine Zusammenkunft von Menschen eine zwischenmenschliche Hybris bekommt, man sich an einen Abend oder einzelne Momente dessen lange erinnert. Ich brauche aber nicht diese erzwungene Geselligkeit. Warum denn? Vor allem, genau betrachtet, ist es immer derselbe Mechanismus: Leute gehen auf schrottige, unbequeme Möbel, um überteuerten Mist in sich reinzustopfen und sich in einer Weise gehen zu lassen, die besser unerkannt geblieben wäre. Wenn man sie fragt, was sie denn erleben würden, kommen Antworten wie „dem Alltag entfliehen“, „sich mal was gönnen“, „hier kann man mal die Sau rauslassen“, „da trifft man sie ja alle“, „da muss man einfach hin“, „besser als abends allein zu sein“. Alles, analytisch betrachtet, Ausdruck von einsamkeitsgeplagten, unzufriedenen Menschen. Nicht das Event bestimmt den Genuss, sondern der Mensch selber. Ein Wein auf einem schrottigen Balkon aus Senfgläsern kann eine hundertfache Bedeutung habe, als wie eine Sardine auf dem Freßgassfest zwischen grölenden Menschen eingeflanscht zu sein. Und wenn man das nicht tut, ist die Irritation groß, die Kritik zum greifen nah. Man tanzt aus der Reihe, stellt sich kritisch. Nicht gut. Die selbstbestätigende Funktion dieser Feste für die Besucher wird nämlich so in ein neues, ganz ungewolltes Licht gerückt. Und das will keiner.

Also, ab sofort: Mehr sein lassen. Mehr selber sein. Klingt nach Klangschale, ist es aber nicht.

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